WTG - Wahnsinn!

Pflege- und Sozialrecht.
Hier gepostete Beiträge und Antworten ersparen im Ernstfall nicht den Gang zum Anwalt!
Antworten
Benutzeravatar
Caretaker
Beiträge: 8
Registriert: Fr 11. Dez 2009, 18:17

WTG - Wahnsinn!

Beitrag von Caretaker » So 18. Apr 2010, 18:03

8. Kategorie: Bewohnerrechte und Kundeninformation
Wie stellt die Betreuungseinrichtung im Rahmen der Barrierefreiheit sicher, dass auch z.B. demenziell veränderte Menschen und Menschen mit geistiger Behinderung über die Erreichbarkeit der zuständigen Behörde informiert sind (z.B. leicht verständliche Sprache, Piktogramme, Audioinformationen)?

Ist das nicht Wahnsinn? Ich möchte gerne eine demenzkranke Bewohner, der sich gerade beschweren will, dass der Buss immer noch nicht angekommen ist und er dringend nach Hause muss, den Telefonhörer in die Hand geben und selbst die Nummer der Heimaufsicht wählen ... das wäre doch ein Spaß oder?

Take Care



@@@@@
Beiträge: 52
Registriert: Di 18. Sep 2007, 11:14

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von @@@@@ » So 18. Apr 2010, 20:00

Warum nicht.
Ich hatte mal eine Bewohnerin mit geistiger Behinderung die ein Telefon ohne Anschluß im Zimmer hatte, wo sie dann immer telefoniert hat wenn sie ärger hatte. Für sie war es eine Möglichkeit frust abzulassen und für uns eine Möglichkeit zu erfahren was gerate das Problem ist.



Nicki
Beiträge: 417
Registriert: Mi 15. Dez 2004, 15:24

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von Nicki » Mo 19. Apr 2010, 19:27

kopp schüttel,sowas als PDL tztztz....

erzähl wie du es geschaft hast, dass würde mich brennent interesieren.

bei uns ging imme r einer ans telefon, PK war im Bew-zimmer, nein sagte er resolut es ist niemand hier und auf wiedersehen ,zack lag der hörer wieder auf der gabel...gggg

versuch es mit pyktogramme ;)

lg nicki



thorstein
Beiträge: 1068
Registriert: So 2. Sep 2007, 01:41

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von thorstein » Di 20. Apr 2010, 09:12

Offensichtlich gibt es in manchen Köpfen "die Demenzkranken" als eigene Kategorie. Ich kenne durchaus Demenzkranke, die über ein entsprechendes Tastentelefon in der Lage sind, ihre Tochter anzurufen. Über welche Ressourcen eine BewohnerIn verfügt erkenne ich nicht am Krankheitsbild. Und bei geistiger Behinderung ist die Frage doch wohl berechtigt?

Was wäre die Gegenthese: Demenzkranke sind grundsätzlich nicht mehr in der Lage, sich an die Heimaufsicht zu wenden. Die Frage nach der Erreichbarkeit der Heimaufsicht stellt sich daher bei Demenzkranken nicht.



Benutzeravatar
fmh
Beiträge: 2921
Registriert: Fr 29. Jun 2007, 19:00
Beruf: Altenpfleger
Einsatz Bereich: Kreisverwaltung
Wohnort: Bayern

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von fmh » Di 20. Apr 2010, 17:04

Hallo zusammen,

ich finde den "Kritikpunkt" von Caretaker durchaus nachvollziehbar. Es geht ja auch nicht unbedingt darum, dass man einem an Demenz erkrankten Bewohner nicht mehr zutraut zu telefonieren - dass Menschen mit dieser Erkrankung dazu in der Lage sind, dürfte uns durchaus bewusst sein.

Fraglich ist es für mich dennoch, ob ein Mensch mit seinen individuellen kognitiven Beeinträchtigungen differenzieren kann mit welchen Beschwerden er sich nun an die "zuständige Behörde" wenden soll und mit welchen nicht. Und genau diesen Punkt hat Caretaker doch auch angesprochen. Ich sehe nicht, dass hier irgendjemanden die Ressourcen abgesprochen werden sollen - die Sinnhaftigkeit eines Prüfpunktes vom MDK in Frage zu stellen, halte ich aber durchaus für gerechtfertigt ;-)

Und ich möchte die Menschen von der Heimaufsicht oder vom MDK mal erleben, wenn genau die von Caretaker beschriebenen Beschwerden desöfteren dort eingehen würden...

Wenn ich an die Bewohner "meiner" Dementen-WG denke, dann wären da täglich Anrufe fällig wegen "gestohlener Kleidung", "fremden Menschen in der Wohnung", "der bösen Tochter die nie zu Besuch kommt", "...". Wie mache ich denn da nun in einfacher Sprache oder mit Piktogrammen verständlich, dass die Menschen die unter der angegebenen Rufnummer erreichbar sind, zwar gerne Beschwerden entgegen nehmen, aber bitte doch nur solche, die auch in ihr Aufgabengebiet fallen?!

Und dann würde mich mal ganz ehrlich interessieren: Hängt in Euren Einrichtungen eine gut erkennbare und deutlich markierte Information, wie man die Heimaufsicht / den MDK erreichen kann?

Beste Grüße
fmh


Get a job. Go to work. Get married. Have children. Follow fashion. Act normal. Walk on the pavement. Watch TV. Obey the law. Save for your old age. Now repeat after me: "I am free..."

Knülpf
Beiträge: 374
Registriert: So 6. Jul 2008, 22:54

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von Knülpf » Fr 23. Apr 2010, 23:52

[quote=""fmh""]Fraglich ist es für mich dennoch, ob ein Mensch mit seinen individuellen kognitiven Beeinträchtigungen differenzieren kann mit welchen Beschwerden er sich nun an die "zuständige Behörde" wenden soll und mit welchen nicht. (...) Und ich möchte die Menschen von der Heimaufsicht oder vom MDK mal erleben, wenn genau die von Caretaker beschriebenen Beschwerden desöfteren dort eingehen würden...

Wenn ich an die Bewohner "meiner" Dementen-WG denke, dann wären da täglich Anrufe fällig wegen "gestohlener Kleidung", "fremden Menschen in der Wohnung", "der bösen Tochter die nie zu Besuch kommt", "...". [/quote]Wo ist Dein Problem?

[quote=""fmh""]Wie mache ich denn da nun in einfacher Sprache oder mit Piktogrammen verständlich, dass die Menschen die unter der angegebenen Rufnummer erreichbar sind, zwar gerne Beschwerden entgegen nehmen, aber bitte doch nur solche, die auch in ihr Aufgabengebiet fallen?![/quote]Wessen Problem ist das eigentlich? Lasst doch mal die Klienten auf ihre verwaltenden Beschützer zugehen, was wird wohl passieren?

[quote=""fmh""]Und dann würde mich mal ganz ehrlich interessieren: Hängt in Euren Einrichtungen eine gut erkennbare und deutlich markierte Information, wie man die Heimaufsicht / den MDK erreichen kann?[/quote]Ab Montag. Danke für den Hinweis :-)



Benutzeravatar
fmh
Beiträge: 2921
Registriert: Fr 29. Jun 2007, 19:00
Beruf: Altenpfleger
Einsatz Bereich: Kreisverwaltung
Wohnort: Bayern

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von fmh » Sa 24. Apr 2010, 11:09

Hallo Knülpf,

es ist mir durchaus bewusst, dass das nicht mein Problem ist - das ändert für mich nichts daran, dass es durchaus legitim ist, eine (für mich) fragwürdige "Bewertungskategorie" des MDK zu hinterfragen. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich ausdrücken, da aus meiner Sicht die Ressourcen der demenzkranken Bewohner in keiner Art und Weise in Frage gestellt werden - sondern lediglich ein Aspekt aus dem Transparenzbericht :-)

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende,
fmh


Get a job. Go to work. Get married. Have children. Follow fashion. Act normal. Walk on the pavement. Watch TV. Obey the law. Save for your old age. Now repeat after me: "I am free..."

Knülpf
Beiträge: 374
Registriert: So 6. Jul 2008, 22:54

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von Knülpf » So 25. Apr 2010, 00:50

Hallo fmh,

dann lass mich nochmal versuchen, mich deutlicher und gründlicher auszudrücken: Die Möglichkeit zur Äußerung von Kritik und Problemen ist umso wichtiger, je hilfloser und abhängiger der Betreffende ist. Die Gefahr, dass die Bedürfnisse von Heimbewohnern missachtet werden, ist groß. Die Fähigkeit von Heimbewohnern (und Angehörigen), Kritik zu äußern, kann aus vielen Gründen eingeschränkt sein. Dazu gehört auch mangelnde Information über ihre Rechte und geeignete Ansprechpartner, abnehmende Fähigkeit sich selbst zu informieren, "Kleingedrucktes" zu lesen, überhaupt zu lesen. Leichte Zugänglichkeit von Informationen, einfache Sprache und graphische Anschaulichkeit mindern diese Einschränkungen mit ganz einfachen Mitteln.

Somit eröffnen/erhalten sie für Heimbewohner, auch für Demenzkranke, eine Handlungsmöglichkeit zur Wahrung ihrer Grundrechte. Sie können damit eventuell, aber nicht zwangsläufig, nicht mehr adäquat umgehen. Die Desorientiertheit von Demenzkranken führt zweifellos zu vielen Beschwerden, für die Heimaufsicht und MDK nicht zuständig sind. Sie werden eventuell Verwirrung, Ärger und Mühe verursachen. Das darf aber kein Grund sein, ihnen dieses Grundrecht vorzuenthalten. Sie werden weder sich selbst noch andere damit gefährden, somit hat man dieses simple Instrument einzusetzen.

Die einzige Kritik, die ich an dieser Regelung gelten lasse, ist, dass viele weitere Aspekte der Grundrechte und Menschenwürde in der Pflege auch noch nicht gesichert sind.

Oder?

Auch Dir ein schönes Rest-Wochenende und viele Grüße

knülpf



Benutzeravatar
fmh
Beiträge: 2921
Registriert: Fr 29. Jun 2007, 19:00
Beruf: Altenpfleger
Einsatz Bereich: Kreisverwaltung
Wohnort: Bayern

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von fmh » So 25. Apr 2010, 01:47

Hallo Knülpf,

vielen Dank für Deine Ausführungen, jetzt kann ich Deinen Standpunkt tatsächlich besser nachvollziehen - und ich gebe Dir uneingeschränkt recht :-) Insbesondere den Punkt, dass weitere Aspekte der Grundrechte / Menschenwürde nicht gesichert sind, finde ich sehr wichtig.

Ich bin mir nur immer noch nicht sicher, ob es so einfach damit abgetan sein soll, dass wir irgendwelche "Bildchen" aufhängen und dann damit argumentieren können, dass wir ja "alles" getan haben um die Rechte der Bewohner in dieser Hinsicht zu gewährleisten.

Oder anders gesagt: Ich persönlich glaube nicht, dass die Qualität der Pflege und Betreuung tatsächlich "sehr gut" sein muss, nur weil der MDK dies beim Transparenzbericht festgestellt haben will.

Aber jetzt gehts erstmal ins Bett...

Schönen Sonntag noch :-)

Beste Grüße
fmh


Get a job. Go to work. Get married. Have children. Follow fashion. Act normal. Walk on the pavement. Watch TV. Obey the law. Save for your old age. Now repeat after me: "I am free..."

thorstein
Beiträge: 1068
Registriert: So 2. Sep 2007, 01:41

AW: WTG - Wahnsinn!

Beitrag von thorstein » Mo 26. Apr 2010, 23:21

Für mich stellt sich die Frage, inwieweit der institutionelle Blick unser Bild von Demenzkranken prägt. Wenn eine Pflegekraft 10 Demenzkranke versorgen soll, werden dann diese Demenzkranken nicht zwangsläufig nur nach als Problem wahrgenommen?
Der Hinweis auf die Grundrechte wäre durchaus hilfreich, wenn es einen Ansatzpunkt gäbe, diese dann auch in Karlsruhe durchzusetzen. Ich denke da an das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Bei den vereinbarten Personalschlüsseln und bei dem schon standardmäßigem Einsatz von Neuroleptika ohne überzeugende Indikation (soweit man Personalmangel nicht als Indikation gelten lässt), sind Zweifel, ob für Pflegebdürftige auch die Grundrechte gelten, nicht nur berechtigt sondern drängen sich auf.
Die Rahmenbedingungen werden ganz offensichtlich von staatlicher Seite nach der Kassenlage festgelegt - daher auch in armen Bundesländern schlechtere Personalschlüssel - und keinesfalls nach der Vorgabe, ob unter diesen Rahmenbedingungen eine angemessene, und damit grundgesetzkonforme Versorgung darstellbar ist.
Man kann der Pflege, aber auch der Pflegewissenschaft durchaus ankreiden, dass ein überzeugendes Konzept oder ein Nachweis, welche Rahmenbedingungen angemessen wäre, nicht vorliegt. Stattdessen muss man feststellen, dass eine wachsende Zahl an Pflegkräften die Rahmenbedingungen für ausreichend hält, dies offenichtlich auch als Abwehrreflex gegen die negative Presse. Damit wird dann aber jeder öffentlich gemachte Misstand zum Einzelfall.
Wie sollte man auch über Grundgestzverletzungen diskutieren, wenn jetzt massnhaft Pflegeheimen sehr guten Noten attestiert werden. Wir Pflegekräfte sollten aufpassen, dass wir hier nicht auf eine billige und eigentlich leicht durchschaubare Weise vorgeführt werden. Öffentliches Lob und Schulterklopfen ist fast kostenfrei und ersetzt eben nicht eine angemessene Personalausstattung.



Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast