Verwahrloste Tante

Pflege- und Sozialrecht.
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Knülpf
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Verwahrloste Tante

Beitrag von Knülpf » Do 5. Aug 2010, 22:45

Hallo Forum,

an die "ambulanten" unter euch eine Frage wegen meiner Großtante. Sie ist über 80, mobil, lebt alleine (schon -zig Jahre) in ihrem Haus auf dem Dorf. Ich selbst lebe nicht in der Gegend und hatte nie engen Kontakt zu ihr, weiß deshalb nur das Folgende und kann auch nicht kurz mal bei ihr vorbeischauen.

Mein Vater rief mich gerade an und berichtete, dass sie wohl zunehmend verwahrlost, sich nicht mehr pflegt und nicht mehr vernünftig ernährt (sie riecht, trägt schmutzige Kleidung, isst bei Einladungen gierig, wie ausgehungert). Die Wohnung sei voller Müll, so dass sie Schlafzimmer und Küche (=> Ernährung) nicht mehr nutzen kann, sie schläft im Wohnzimmer zwischen Stapeln von Müll. Im Ofen im Keller verbrennt sie Abfälle, ohne die Sache richtig im Griff zu haben - daneben ist auch Zeug gestapelt, das bei seinem letzten Besuch angekokelt war, und das UG voller Rauch. Das ganze Grundstück verwahrlost, so dass auf den Außentreppen Sturzgefahr besteht und die Nachbarschaft sich über das ganze Gestrüpp beschwert.

Ein Pflegebedarf besteht meines Wissens nicht, sie geht auch (mit Aufforderung/Begleitung) zum Arzt und nimmt ihre Medikamente. Alles was ich anhand Vaters Schilderungen feststelle ist Bedarf an hauswirtschaftlicher Hilfe. Diese lehnte sie bisher zwar ab, aber ich denke dass sie mit etwas Fingerspitzengefühl auch dazu gebracht werden kann eine LEistung anzunehmen.

Hat sie mit ihrer kleinen Rente, aber Eigentum, Anspruch auf irgendwelche Hilfen? Im ersten Moment ist mir Essen auf Rädern eingefallen, um ihr etwas einfach nur positives zu bieten - aber das müsste sie dann selbst bezahlen, oder? Und beim Schreiben macht sich in mir doch der Gedanke breit dass es zu vertrackt und auch gefährlich ist und man sie nicht mehr guten Gewissens auch nur relativ alleine wursteln lassen darf. Sie wird nicht plötzlich doch jemanden in ihre Wohnung, an ihre Sachen und ihre Lebensgestaltung lassen, und gefährdet sich.

Was kann ich meinem Vater raten? Er selbst ist auch nicht der nahestehendste Verwandte und bei seiner Frau höre ich schon deutlich den Unmut, sich um die "fremde Tante" kümmern zu müssen wenn man nicht mal erben wird. Mein eigener Einfluss auf sie direkt ist gleich Null. Ich denke zwar, dass ich sie bei meinem nächsten Besuch im Ort mal zum essen einlade, aber sie wird mich kaum besonders ernst nehmen bzw. großes Vertrauen zu mir haben. Auch unter der Überschrift "ich mache mir Sorgen" bräuchte es viel Glück, um ihre Bereitschaft zu erreichen dass sie sich helfen lässt. Und selbst wenn, wird wieder die räumliche Distanz zum Problem, weil ich mich nicht ein paar Tage kontinuierlich um sie kümmern könnte.

Hilfe.

Danke.

k.



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*Angie*
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von *Angie* » Do 5. Aug 2010, 23:10

Hi Du!

Ob sie einen "Anspruch auf Leistungen" hat weiß ich nicht.

ABER: Ihr könntet zB mal bei ihr am Ort nachfragen ob es sowas wie ein Seniorenbüro gibt. Hier gibt es sowas (unterliegt der Stadt) und die Leute dort stehen mit rat und tat und auch mit unkonventioneller Hilfe parat.

Ansonsten würde ich mal bei der Kirche anrufen und mit dem Pastor sprechen. Oft gibt es ehrenamtliche Besuchsdienste mit Menschen die auch ehrenamtlich helfen.

Sie bräuchte ja im Grunde einmal eine "Akut-Hilfsaktion" um das Haus wieder bewohnbar zu machen und dann jemanden der nach dem rechten sieht und sie da unterstützt wo es nötig ist.

Wenn alles nichts bringt:
wenn sie vermüllt dann gefährdet sie sich irgendwann selbst, auch jetzt ist ja offensichtlich ein Selbstversorgungsdefizit erkennbar.
Da könnte man auch mal mit dem Hausarzt ein offenes Wort reden, die wissen auch meist wo und wie Hilfe zu organisieren ist.

Das ist, was mir erstmal spontan einfällt.


» Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht. « (Albert Schweitzer)

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agidog
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von agidog » Fr 6. Aug 2010, 06:29

Hi

Bei uns gibt es in vielen Dörfern eine Nachbarschaftshilfe ... einfach mal danach erkundigen!


Grüßle agidog


Wer mein Schweigen nicht versteht, versteht auch meine Worte nicht


Viele Menschen sind zu gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun (Orson Welles) 8)

KVie
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von KVie » Fr 6. Aug 2010, 07:48

Liebe Knülpf!

Wieso soll Deiner Tante keine Hilfe zustehen? :confused:
Du schreibst „sie scheint ausgehungert zu sein“, also ist die Ernährung nicht sichergestellt.
Sie trägt schmutzige Kleidung, also ist die Körper- und Kleidungspflege nicht sichergestellt.
Die Wohnung ist verwahrlost, also bedarf sie Hilfe bei der Haushaltsführung.
Ein Pflegestufenantrag wäre also anzuraten.

Die sicherste Variante wäre, eine Sozialstation bzw. ambulanten Pflegedienst zu Rate zu ziehen.
Sie sind verpflichtet Beratungen durchzuführen und bei Anträgen zu helfen.
Bei der Frage „welche Sozialstation“, würde ich bei einem Pflegestützpunkt bzw. Seniorenbüro nachfragen. Diese können meist Sagen, welcher ambulante Dienst eine wirklich gute Beratung durchführt.

Hilfe ist auch über das Sozialamt möglich (§63 SGB XII = häusliche Pflege). Auch wenn sie Eigentum hat, kann ihr Hilfe über das Sozialamt zustehen (es kommt auf die Größe des Hauses und des Grundstückes an). → Hierzu kann der ambulante Pflegedienst auch beraten und Hilfestellungen anbieten.

Deine Tante wird bestimmt nicht erfreut sein wenn jemand zur Hilfe kommt, aber es Bedarf häufig einiger Zeit bis Patienten/ Klienten vertrauen haben.
Habe es oft genug erlebt, dass sie nicht gleich Hilfe in allen Bereichen angenommen haben.
Mit der Zeit gewinnt, man immer mehr Vertrauen und kann in immer Bereichen unterstützend tätig werden.
Den Haushalt einfach zu säubern finde ich keine gute Idee, dass ist ein Eingriff in die Privatsphäre!!!!! Hilfestellungen gehen nur mit Einverständnis und hierfür muss erstmal Vertrauen aufgebaut werden.

Scheinbar besteht auch die Frage, ob sie sich eventuell gefährdet. Auch hierbei kann der ambulante Pflegedienst helfen. Er wird sich sicherlich, ein „Bild“ von der Situation machen und bei Bedarf das Vormundschaftsgericht informieren, über eine Anregung zu Betreuung.
Hierfür wäre es wichtig zu Wissen, ob jemand aus dem Verwandenkreis bereit wäre diese Aufgaben zu übernehmen (jemand zu dem die Tante Vertrauen hat und der ihre Wünsche, Bedürfnisse genau kennt).

Liebe Grüße von KVie :D



Knülpf
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von Knülpf » Fr 6. Aug 2010, 21:04

Danke für eure Antworten. KVie, ich wusste nicht dass es auch eine Einstufung, sprich LEistungen der Pflegekasse, geben kann wenn sie theoretisch noch alles alleine machen könnte (vielleicht ein Vorurteil, dass niemand in eine Pflegestufe kommt solange er das Datum weiß und alleine aufs Klo geht). Und sicher wird es das schwierigste, sie davon zu überzeugen erst mal jemanden in ihr Chaos zu lassen. Ich wünsche ihr nicht (niemandem!) dass man jetzt einfach eine Betreuung einrichtet und "durchgreift".

Ich werde also meinem Vater raten, sich im Pflegestützpunkt oder von einer Sozialstation beraten zu lassen. Kontakt zum Hausarzt gibt es auch, evtl. kann dieser pflegebegründende Diagnosen stellen - ich habe keine Ahnung inwiefern sie evtl. unter Schmerzen oder sonstigen Bewegungseinschränkungen leidet, ob psychiatrisch etwas vorliegt. Und ihn bitten, nicht schnell aufräumen zu wollen, sondern ihr Einverständnis zu erreichen. Vielleicht hilft es ihr schon, dass es Alternativen zwischen den Extremen ganz allein vs. Pflegeheim gibt.

Nochmals Danke für eure Ratschläge, schreibt ruhig falls euch noch was einfällt. Ich melde mich wenn es etwas neues gibt,

viele Grüße, k.



thomas09
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von thomas09 » Sa 7. Aug 2010, 12:25

Nun soweit ist alles geschrieben.

Pflegestufe beantragen und schauen, dass der Hilfebedarf auch wirklich detailliert geschildert wird, so dass man auf die Mindestzeiten kommt.

Wo ich allerding noch ein Problem evtl. sehe ist, dass du weit weg bist und "mitbestimmen, -reden" willst was getan werden sollte und dies eine Anderer - dein Vater - tun soll.

Hmmmm - dazu bedarf es eines großen Vertrauensverhältnises

Ansonsten lass es, oder mach es selbst.
Ich wünsche ihr nicht (niemandem!) dass man jetzt einfach eine Betreuung einrichtet und "durchgreift".
Nicht zu lange warten, kann entlastend für beide Seiten sein.
Es wird keiner automatisch dazu gezwungen oder verdonnert mit einer Betreuung - durchzugreifen!



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Griesuh
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AW: Verwahrloste Tante

Beitrag von Griesuh » Sa 7. Aug 2010, 16:14

So wie Knülpf im Eingangsbeitrag schreibt, besteht kein Hilfebedarf bei der Pflege,da sie körperlich noch alles alleine könne. Auch eine Demenz wird nicht beschrieben .
Somit wird es sehr schwierig eine Pflegestufe zu bekommen, denn Haushaltshilfe als alleiniger Hilfebedarf begründet nach den Begutachtungsrichtlinien keine Pflegestufe.
Um in eine Pflegestufe zugelangen, sind mind. 46 Min tgl. Hilfebedarf am Körper, sprich: Hilfe beim waschen, an/ausziehen, den Toilettengängen, der Mobilität und der mundgerechten Nahrungszubereitung, erforderlich.
Das alles wird von Knülpf nicht beschrieben.
Was die Verwahrlosung anbelangt, so hat in der BRD jeder das Recht zu verwahrlosen, so lange keine Eigengefährdung und Gefahr für andere besteht wird keine Instutition eingreifen.
Der Vorschlag Hilfe zur Beurteilung der Situation heranzuziehen ist der richtige Schritt.
Wir hier können es nicht beurteilen, da wir die Lage vor Ort nicht in Augenschein nehmen können.
Wie KVie schon schrieb, kann da ein Pflegedienst vor Ort beratend zur Seite stehen. Verpflichtet sind Pflegedienste da zu jedoch nicht, aber kaum ein PD wird eine Beratung ablehnen..


LG
Zuletzt geändert von Griesuh am Sa 7. Aug 2010, 16:26, insgesamt 1-mal geändert.


Gute Pflege braucht mehr Zeit

schwarzer sonnenstrahl
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Beitrag von schwarzer sonnenstrahl » Sa 7. Aug 2010, 19:35

[quote=""Griesuh""]
Was die Verwahrlosung anbelangt, so hat in der BRD jeder das Recht zu verwahrlosen, so lange keine Eigengefährdung und Gefahr für andere besteht wird keine Instutition eingreifen.
Der Vorschlag Hilfe zur Beurteilung der Situation heranzuziehen ist der richtige Schritt.[/quote]

ich denke die dame hat auf jedenfall handlungsbedarf bei der kontoführung und bei der organisation & vll auch bei der zubereitung von lebensmitteln und bei der haushaltsführung in bezug auf das waschen von deren kleidung.

vll solltet ihr die dame wirklkich mal besuchen und schauen ob sie fettige haare hat und mal auf die fingernägel schauen. unter umständen könnte man dadurch eine pflegestuge beantragen oder bin ich da auf dem falschen dampfer ?
wenn sie zb einmal die woche ne dusche brauch ?


<<<----- *neugierde habz*


ich schreibe hier alles in kleinschrift, weil man beim sprechen auch nicht großspricht!

sophie
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Beitrag von sophie » Sa 7. Aug 2010, 22:22

Hallo Schwarzer Sonnenstrahl,

wenn wir alle die fettige Haare oder lange Fingernägel haben eine Pflegestufe angedeien lassen wollten, wäre die Pflegekasse noch mehr bankrott, als sie es ohnehin schon ist.

Was Griesuh sagen wollte: Wenn die Tante von Knülpf orientiert ist und eben nur im Alter ihre Sammelleidenschaft verstärkt hat, die Notwendigkeit der Körperpflege nicht mehr ganz dringlich erscheint usw. dann ist nicht gleichzeitig eine Pflegestufe erreicht.

Warum das so ist s.o. du hast es selbst zitiert.


Ist es nun aber so, dass die Tante Schwierigkeiten hat bei der Körperpflege, Essen zubereiten, Ausscheidungen, Trinken vergessen und auch mit dem Haushalt nicht mehr hinterherkommt, weil sie es vergisst oder aus anderen Gründen nicht mehr schafft, dann ist ein Antrag sicherlich das Richtige.

Ob man nun hierzu gleich eine Betreuung benötigt halte ich für weit vorgegriffen. Im Zweifelsfall fände ich sogar eine Vollmacht sinnvoller (wenn jemand zur Verfügung steht).

Sophie


An den Fragen die sich dir stellen erkennst du das Leben, an den Antworten die du findest erkennst du dich selbst.

wenn ein Mensch und ein Hund sich im Himmel begegnen, muss sich der Mensch vor dem Hund verneigen (sibirisches Sprichwort)

schwarzer sonnenstrahl
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Beitrag von schwarzer sonnenstrahl » Sa 7. Aug 2010, 22:37

genau deswegen habe ich gefragt.
aber das sie auf feiern sich regelrecht "durchfrisst" lässt doch eigentlich auf ein wenig nichtkönnens der ernährungszubereitung hindeuten.


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Knülpf
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Beitrag von Knülpf » So 8. Aug 2010, 01:07

Hi ihr,

die Verwandten vor Ort, die sie gut kennen und in ihrer Nähe sind, werden sich bei Pflegestützpunkt und Sozialstation beraten lassen und auch Kontakt zum Hausarzt aufnehmen. Wir werden sehen was dabei herauskommt. Über ihre tatsächlichen Ressourcen bzw. ihren Hilfebedarf kann ich, so wie ihr, auch nur mutmaßen - das bringt nichts.

Aber danke für eure Tipps und eure Anteilnahme. Ich schreibe nochmal wenn sich was getan hat,

Grüße, k.



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