urteil sturzprophylaxe

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pflegeassi
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urteil sturzprophylaxe

Beitrag von pflegeassi » Mi 19. Okt 2005, 17:50

TRD Lauf, Erstellt: Markus Roider, 19.10.2005

DBfK zu Urteil BGH zur Sturzprophylaxe

Der DBfK begrüßt das Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes vom 28.4.2005 (Az III ZR 399/04) zur Betreuung vom Menschen mit Sturzgefahr in stationären Pflegeeinrichtungen. Durch das Urteil wird verhindert, dass bei sturzgefährdeten Bewohnern grundsätzlich freiheitsbeschränkende Maßnahmen durchgeführt werden müssen. Das Gericht definiert als Maßstab „das Erforderliche und das für Heimbewohner und Pflegepersonal zumutbare“ und misst der Würde und Selbständigkeit der Heimbewohner ein besonderes Gewicht zu. Die Kassen sehen bei Stürzen mit Folgen in der Regel eine Verletzung der Obhutspflichten von Heimen sowie der Pflegenden und versuchen diese nachzuweisen. Es besteht auch nach diesem Urteil das Problem, dass Kassen versuchen werden, aus nahezu jedem Sturz mit Folgen einen Regressfall zu machen und dies gerichtlich durchzusetzen. Eigens dafür wurde ein personell gut ausgestattetes Regresswesen aufgebaut.Diesem Vorgehen liegt in erster Linie die Annahme zugrunde, dass Stürze immer zu verhindern seien. Als geeignete Mittel werden freiheitseinschränkende Maßnahmen, wie z.B. Fixierungen oder Bettgitter gesehen. Der Schutz vor einem Sturz hat dabei Vorrang vor der Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentfaltung eines im Heim lebenden Menschen. Aus Sicht der Kassen haben Heime und Pflegende diesen Schutz zu gewährleisten. Dem liegt eine monodimensionale Sichtweise einer „wenn-dann-Beziehung“ zugrunde: Wenn ich fixiere, dann stürzt und verletzt sich auch niemand. Diese Sichtweise ist sehr eng und entspricht nicht der Lebenswirklichkeit und der selbstverständlich zu erwartenden Lebensqualität der im Heim lebenden Menschen und der Situation in Pflegeheimen. Das Urteil des Bundesgerichtshofes setzt mit seinem Urteil einer solchen Betrachtung erfreulicherweise deutliche Grenzen.Heime sind keine Gefängnisse und Pflegende keine Wärter!Heime sollen und müssen Orte des Lebens sein. Leben bedeutet immer auch Risiko. Risiken ergeben sich dabei auch in anderen Kontexten, z.B. wenn im Heim lebende Menschen rauchen oder sich bei einer Diabetes mellitus Erkrankung nicht an eine empfohlene Diät halten. Soll hier auch der Vorrang des Schutzes von Gesundheit vor der Selbstbestimmung gelten?Insbesondere bei demenziell erkrankten Menschen ist die Bewegungsfreiheit ein absolut wichtiges Gut in Bezug auf die sowieso schon stark eingeschränkte Selbstbestimmung. Fixierungen sind für Menschen mit Demenz ein schwerer Eingriff in ihre Menschenwürde, die zu massiver Angst, Rückzug und Verschlechterung des Allgemeinzustandes führt.Zweifelsohne muss die Frage gestellt werden, wie Stürze minimiert bzw. soweit möglich verhindert werden können. Aus Projekten (z.B. Ulmer Projekt) ist bekannt, dass gezielte Mobilitätsübungen zu einem signifikanten Rückgang von Stürzen führen. Auch gibt es inzwischen geeignete Hilfsmittel, wie z.B. Hüftprotektoren, die negativen Folgen von Stürzen deutlich reduzieren. Im „Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege“ wird empfohlen, auf den Einsatz fixierender Maßnahmen eher zu verzichten, da ein dauerhafter Verzicht auf Fixierungen nicht zu einer Erhöhung der Sturzrate führt. Im Gegenteil, es gibt sogar eindeutige Hinweise darauf, dass Fixierungen zu ernsthaften Verletzungen, Stürzen, verlängerten Krankenhausaufenthalten und sogar zu Todesfällen führen können. Das Augenmerk in Bezug auf Stürze muss deshalb in der Prävention liegen. Hierzu müssen Einrichtungen auf bestehende, sinnvolle und tragfähige Konzepte zurückgreifen und vor Ort umsetzen und weiter entwickeln.Stürze werden sich nie vollständig verhindern lassen. Wegen fehlender Ressourcen werden vorhandene Potenziale derzeit zu wenig genutzt. Ein Sturz, der zu einer Oberschenkelhalsfraktur führt, verursacht Kosten zwischen 5.000 und 10.000 Euro. Dies sollte dazu anregen, sich auch aus finanziellen Erwägungen heraus intensiver mit präventiven Maßnahmen zu befassen, damit die Menschen trotz einer Sturzgefährdung ein weitestgehend sturzfreies, menschenwürdiges und selbst bestimmtes Leben ermöglichen.Es muss die vornehmlichste Aufgabe der Kostenträger sein, die Ressourcen für entsprechende präventive Programme und Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen.

Kontakt: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) e.V. – Geisbergstrasse 39, 10777 Berlin, fon 030-2191570, fax 030-21915777, dbfk@dbfk.de http://www.dbfk.de DBfK zu Urteil BGH zur Sturzprophylaxe



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