Wie medizinisch darf oder sollte Altenpflege sein?

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ApoPfleger
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Wie medizinisch darf oder sollte Altenpflege sein?

Beitrag von ApoPfleger » Mi 15. Aug 2001, 17:33

Der Beitrag von Sandokan, die AP sei kein medizinisch-pflegerischer Beruf und sollte es auch nicht werden, ist sehr interessant (auch wenn er meint, er hätte nur mal Frust abgelassen), ich meine, dafür sollte eine eigene Diskussion eröffnet werden. Das will ich hiermit tun.

Tatsache ist: Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird immer älter.

Mit zunehmendem Alter häuft sich die Anzahl schwerwiegender Grunderkrankungen an. Hierbei nimmt der Anteil der "Zivilisationskrankheiten" rasant zu. Die Patienten werden auch immer jünger. Man trifft heute kaum noch Menschen, die älter als 80 Jahre und bei voller Gesundheit sind.

Eine Zielrichtung der Sozialgesetzgebung ist, durch ambulante oder stationäre Pflege Krankenhausaufenthalte zu verkürzen oder vermeiden. Durch den enormen Kostendruck werden immer mehr Patienten immer früher in die ambulante oder in die Kurzzeitpflege entlassen, obwohl die Genesung noch nicht vollständig abgeschlossen ist, weil eine weitere stationäre Behandlung im Krankenhaus nicht zwingend erscheint.

Weitere Zielrichtung der Sozialgesetzgebung ist, durch ambulante Pflege eine Heimunterbringung so lange wie möglich hinauszuzögern, so daß neu aufgenommene Heimbewohner oft schwerwiegende Erkrankungen haben, die eine weitere häusliche Versorgung nicht mehr zulassen.

Zu bedenken ist weiterhin, daß Krankheiten zum Menschen gehören, ein Teil von ihm sind. Gerade altersbedingte Erkrankungen und "Verschleißerscheinungen" bestimmen zum Teil stark alle aktivitäten den täglichen Lebens. Gesundheitliche Krisen prägen zudem Psyche und Verhaltensweisen des Menschen. Da ist es angebracht und geradezu notwendig, zum besseren Verständnis und Umgang über medizinisches Hintergrundwissen zu verfügen sowie die wichtigsten Pflegetechniken zu beherrschen, um effektiv die bestehenden Defizite kompensieren und so dem alten Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.


Ich pflege, also bin ich.

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doedl
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Beitrag von doedl » So 19. Aug 2001, 00:35

Altenpflege- ein medizinischer Beruf?

Ja, sicher das auch. Apo hat schon recht, wenn er die zunehmenden multimorbiden Erscheinungen aufführt, die durch immer höheres Lebensalter auftreten.

Sicherlich ist auch in den Heimen zu beobachten, daß das Eintrittsalter immer höher wird (durchschnittlich bei 86 Jahren) und die ambulante oder häusliche Pflege den Anreiz und die Möglichkeit schafft, Senioren sehr lange im gewohnten Umfeld zu belassen.

Alles richtig.

Ich sehe den Beruf Altenpflege jedoch in erster Linie als Beruf an, der nicht den medizinischen Aspekt in den Vordergrund stellt. Die Menschen brauchen Altenpfleger nicht, weil sie krank sind, sondern weil sie alt sind.
Was fehlt denn?? Der supersterile Wundverband oder die menschliche Zuwendung? Wenn man noch bedenkt, dass man heute von 60 - 80% psychisch veränderten Senioren in den Heimen spricht, dann wird klar, welche Arbeit Altenpfleger leisten müssen. Natürlich sollten sie ihren Beruf auch von medizinisch-pflegerischer Seite gut beherrschen- wichtiger erscheint mir jedoch, daß Altenpfleger ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz benötigen, um mit dem Alter,Verwirrtheit, der Einsamkeit umgehen zu können.
Und es gehört auch dazu, das Sterben akzeptieren zu können-
sich nicht in blinden Aktionismus zu flüchten- PEG legen lassen , nur weil man nicht zusehen kann, wenn eine alte Dame oder ein alter Herr einfach nicht mehr leben mag. Auch dieses Recht des Menschen müssen wir Altenpfleger achten. Hier ist eine Ethik gefordert, die den Menschen menschenwürdig leben lässt und in Würde sterben lässt. Keine leichte Aufgabe für uns Aps.

Doedl


Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen- Mahatma Gandhi

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Beitrag von ApoPfleger » Di 28. Aug 2001, 20:19

Hi Sando!

Um Deine Frage(n) zu beantworten: Nein, ein 90jähriger Mensch mit mehreren Grunderkrankungen kann nicht mehr geheilt werden. Und nein, die Medizin sollte sich nicht mit ihrer gesamten Technik auf diesen Menschen stürzen. Das ist zumindestens auch nicht Ziel der Krankenpflege, oft genug verhindern wir sogar aufwendige Eingriffe oder Untersuchungen, die "medizinisch indiziert" sind, weil wir dann den Menschen im Vordergrund sehen, dem diese "Tortur" keinen Vorteil bringen würde.

Ich meinte allerdings auch nicht unbedingt den "Intensiv-Altenpflegeheimbewohner", den der Altenpflegeguide so gern zitiert und an dem er anscheinend "beweisen" möchte, daß alle hier nix können. Zur Erinnerung, Altenpflegeguide: eigentlich ist dies eine Seite von Altenpflegeschülern für Altenpflegeschüler, auch wenn sich hier ne Menge Examinierte rumtreiben. Was Du hier zu erwarten scheinst, würde selbst ich als Praxisanleiter und Fachprüfer noch nicht einmal von meinen Examensschülern verlangen, dazu gehört nämlich eine ganze Menge Berufserfahrung.

Wen ich in meinem Eröffnungsposting vielmehr meinte, sind jene auf Altenpflege angewiesene Menschen, denen eine angemessene, fachlich qualifizierte "Behandlungs"pflege einen Gewinn oder zumindest Erhalt an Lebensqualität bringen würde.


Ich pflege, also bin ich.

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