Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Bietet pflegenden und betreuenden Angehörigen die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen, Unterstützung bei Konflikten mit Heimen oder ambulanten Pflegediensten oder fachkundigen Rat in speziellen Fragen zur Pflege und Betreuung.
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thomas09
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von thomas09 » Mo 1. Aug 2011, 17:52

Ich befürchte sie wird dich nicht verstehen (wollen), da es nicht in ihre Persönlichkeitsstruktur passt.

Da kannst du Reden was du willst.

Mit deinem schlechten Gewissen musst du fertig werden, ob mit oder ohne Einverständnis oder Einsicht deiner Mutter.

Deine Mutte ist für ihr Leben verantwortlich, sie igelt sich, dann ist es wie es ist, sie ist alleine, dafür kannst du aber nichts, sie ist alt genug.

Du bist für dein Leben verantworlich, nimm es in die Hand und gestalte es.



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B-Tina :-)
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von B-Tina :-) » Mo 1. Aug 2011, 18:33

Hallo Markus,

Du hast Recht, es ist Dein Leben, so belastend die Situation auch ist, aber Du kannst nicht Deine gesamte Existenz an den - sorry - "Eigenheiten" Deiner Mutter ausrichten. Sonst bist Du irgendwann an einem Punkt, an dem Du Dir sagst: Hätte ich doch nur/warum habe ich nicht dieses oder jenes getan ...

Besteht die Möglichkeit, einen Kompromiss zu finden? Wenn sie in ihrer derzeitigen Umgebung sowieso keine sozialen Kontakte hat - vielleicht ein Pflegeheim in der Nähe Deines neuen Wohnortes und eine klare Absprache: zB Besuch einmal pro Woche und Vollmacht, die rechtlichen/behördlichen Belange für Deine Mutter zu regeln. Auch solche Dinge wie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sollten rechtzeitig bedacht werden.

Wenn etwas "außer der Reihe" wäre, könnte das Heimpersonal Dich anrufen, ansonsten - auch wenn sie deshalb schimpft, was wohl in ihrer Natur liegt - eben eindeutige Regeln.
Betreuungsangebote gibt es in Pflegeheimen und auch außerhalb viele, wenn sie diese nicht nutzen möchte, ist es ihre Entscheidung, aber sie kann nicht von Dir verlangen, dass Du ständig verfügbar ist, dann könnte sie ja gleich bei Dir einziehen...

Evtl. lässt sich über Hausarzt -> Psychotherapie oder auch sozialen Dienst etwas erreichen? Denn offensichtlich ist sie nicht ausgeglichen, geschweige denn glücklich ... Ihr beide seid es nicht in dieser Situation.

Mag Deine Mutter Tiere? Manchmal kann ein Haustier Wunder wirken, zB ein Kätzchen. Viele Pflegeheime ermöglichen Haustiere.

Habe mal gelesen, ich weiß nicht mehr wo: "Niemand ist auf der Welt, um so zu sein, wie andere ihn gern hätten."

Ich wünsche Dir viel Kraft!!
LG B-Tina :-)



mol
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von mol » Mo 1. Aug 2011, 18:33

deine mutter ist, wie sie ist. um dich verstehen zu können, müsste sie deinen schilderungen nach ihren kompletten charakter ändern - und das ist wohl unmöglich.
ich finde es sehr gut, dass du deine mutter so lange versorgt hast- hut ab. es ist für dich eine sehr schwere situation, und trotzdem warst du bisher immer für sie da. du hast bisher alles für sie getan. statt einem danke erhältst du die forderung, noch mehr für sie zu tun!
es wird aber zeit, dass du an dich denkst und dein leben lebst. eine mutter sollte sich das selbe für ihr kind wünschen!

ich kann deine mutter vllt ein wenig verstehen... sie ist blind, ihr lebensgefährte ist verstorben- natürlich sind das alles schwere schicksalsschläge. sie klammert sich an dich, weil du derjenige bist, den sie noch hat und dem sie vertraut. sie darf und kann dich aber nicht dermaßen einengen, dass du dich selbst nicht mehr verwirklichen kannst und bis zur aufopferung den pflichten nachkommst, die du in ihren augen hast!



Caramell
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von Caramell » So 7. Aug 2011, 22:41

Hallo Markus 1965 :)

Ich kann Dich sehr gut verstehen. Eigentlich wollte ich hier nicht mehr schreiben, aber Dein Beitrag hat mich sehr berührt, weil er meiner momentanen Lebensituation sehr ähnlich ist.

Auch ich habe einen Vater, der jetzt nach den plötzlichen Tod meiner Mutter im Pflegeheim lebt.

Oft wird ja irgendwie unterschätzt, dass man durchaus sehr viel leisten muss, wenn ein Angehöriger im Heim ist und das finde ich völlig falsch. Es ist verdammt viel Arbeit, verdammt viel Frustration und ein schlechtes Gewissen.

Jedes mal wenn ich zu meinem Vater komme.....3 bis 4 mal die Woche á 4 Stunden geht es, gehe ich, habe ich immer dieses miese Gefühl, vielleicht kennst Du das.

Auch mein Vater hat keine Freunde oder groß Bekannte. Nur mein Onkel kommt alle 4 Monate mal zu Besuch. Ich hab noch 2 Schwestern, aber die eine wohnt zu weit weg und mit der anderen habe ich mich so zerstritten, als das Erbe plötzlich Geld war. Seitdem stehe ich allein da und mein Vater hat sich völlig auf mich fixiert. Ich habe zwar noch einen Helfer, den ich auch bezahle, aber die Fixierung ist bei mir.

Ich habe im Januar über eine Umschulung den Abschluss zur Industriekauffrau geschafft, arbeite jetzt halbtags. Mir reicht das nicht, ich möchte gerne richtig arbeiten und mich noch fortbilden. Und ich möchte mich bundesweit bewerben können, aber ich kann nicht.

Ich verstehe Dich echt, das ist so ein blödes Dilemma. Wenn man ganz allein damit steht! Auch mein Vater verweigert die Angebote des Heimes, sind ihm zu blöde, sagt er.

Eins möchte ich Dir aber sagen............ich kann es nicht, sagen möchte ich es Dir aber..............es gibt keinen Generationsvertrag! Mein Vater hat sich um seine Mutter / meine Oma auch nicht gekümmert, warum muss ich es jetzt? Logik!....Gefühl: Ich kann diesen Mann, meinen Vater, mit dem mich nie groß was verbunden hat ausser meiner geliebten toten Mutter niemals dort allein lassen , warum auch immer. ABER ICH SOLLTE ES! Und darum denk gut nach: Geh bitte Deinen Weg, Geh und leb Dein Leben, Du hast nur eins. Deine Mutter hatte ihr Leben.

Ich bin jetzt noch nicht soweit, dass selber zu verwirklichen, aber man muss es um nicht völlig unterzugehen.

Ich bin dabei, mehr Helfer für meinen Vater zu finden und ihn von mir zu entwöhnen, vielleicht geht das bei Dir auch?

Ich drück Dir sowas von die Daumen und leider habe ich kein Rezept gegen das schlechte Gewissen, die Angst und die Hoffnungslosigkeit, die Ohnmacht und das eklige Gefühl, eine hilflose Person im Stich zu lassen. Manche können das gut, Du nicht. Aber das macht Dich auch aus! Herz haben oder nicht! :)

Ganz ganz liebe Grüße

Caramell



A.v.Stösser
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von A.v.Stösser » Mo 8. Aug 2011, 23:07

Seit Juli können Angehörige unter http://www.pflegen-und-leben.de/ kostenlose psychologische Online-Beratung erhalten. Vielleicht kann man Ihnen dort einen gangbaren Weg aus der beschriebenen Zwickmühle zeigen bzw. Sie ein Stückweit begleiten.

A.v.Stösser



Novembergirl42
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AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von Novembergirl42 » Di 23. Aug 2011, 11:25

Hallo Marcus,

als ich deinen Beitrag gelesen habe, dachte ich, auch wenn es für dich schlimm ist, es tat mir gut zu sehen, dass es mir nicht allein so geht. Vieles was du schreibst, könnte von mir stammen. Meine Mutter (81) lebt zwar noch zuhause, ist nicht direkt pflegebedürftig, aber das macht es nicht unbedingt leichter, denn auch sie ist zu 100% auf mich fixiert, da sie eben nicht mehr in der Lage ist, für sich zu sorgen (einzukaufen, zu kochen, allein zu baden usw), ich muss ständig präsent sein, eigentlich jeden Tag, auch mental, da sie außer mir einfach auch keine Ansprechpartner hat. Es ist wie bei dir, sie weigert sich, Kontakte zu pflegen oder neue aufzunehmen, hat immer irgendwelche Ausreden, warum man Bekannte nicht mal einlädt oder sie besucht. Ich muss mein ganzes Leben nach ihr ausrichten, wenn ich mal ein paar Tage wegfahren muss, ist es für sie die Hölle, ich kümmere mich natürlich, dass dann meine Nichte oder so mal kommt, aber trotzdem isst meine Mutter dann ganz schlecht, sodass sie , wenn ich wieder da bin, mir das Gefühl gibt, sie wäre fast gestorben...das ist so schrecklich, denn jedes Jahre, wenn ich wenigstens mal eine Woche (länger geht schon gar nicht) wegfahren will, plagt mich das schlechte Gewissen, dass es ihr dann garantiert ganz ganz schlecht geht. Sie vermiest mir jeden Urlaub, z.b. wenn ich nur mal angedeutet habe, auch mal ne Flugreise machen zu wollen, bekomme ich fürchterliche Dinge zu hören, was nicht alles passieren könnte und ob ich keine Zeitung lesen würde usw.....da freut man sich dann total auf den Urlaub..ich bin seit 20 Jahren nicht mehr geflogen.....
Ich bereite jeden Tag Essen für sie zu, aber sie isst sehr viele Dinge nicht und deswegen kann ich nicht einfach sagen..was ich essen, davon bringe ich ihr dann was vorbei, nein, sie will eben nur ganz bestimmte Dinge und weigert sich auch mal neues auszuprobieren ...demzufolge muss ich mich an ihre Essgewohnheiten anpassen oder eben zwei verschiedene Dinge kochen...und so ist es mit vielen Dingen..beim Einkaufen nur ganz bestimmte Produkte aus dem und dem Discounter und wenn es das nicht gibt...eine andere Sorte will sie nicht....
Ich war 7 Jahre 400 km entfernt in Bayern, lebe jetzt seit 11 Jahren wieder in meiner alten Heimat (im Osten) und war auch lange abeitslos weil ich hier nichts fand, meine Mutter aber auch nicht alleinlassen wollte. Ich habe dann aus der Not eine Tugend gemacht und mein Abi nachgeholt und ein Studium aufgenommen, damit ich hier in der Stadt etwas sinnvolles tue. Nun bin ich mit meinem Studium aber in ein paar MOnaten fertig und dann steht mir das Problem erneut bevor, einen Job zu finden...und gleichzeitig meine Mutter irgndwie nicht allein zu lassen. Sie wäre in einem heim genauso eine "Kandidatin" wie deine Mutti, sie würde an keinen Aktivitäten teilnehmen, würde sich wahrscheinlich furchtbar einsam fühlen und doch hat sie daran auch viel viel Schuld, dass sie ihr ganzes Leben lang immer alle Leute von sich weggetrieben hat, sie war bzw. ist genauso streitsüchtig und rechthaberisch und auch die Familie ist oft genervt von ihr...Du siehst, wir stecken in ähnlichen Zwickmühlen und ich glaube es geht vielen so..leider weiß ich weder für dich noch für mich eine wirkliche Lösung. Es ist ganz sicher sehr egoisitsch von den älteren Personen, aber sie klammern eben weil sie letztendlich doch wenigstens einen Menschen brauchen, denn keiner kann ohne soziale Kontakte leben. Ich würde dir ja auch gern sagen, lebe dein Leben...versuche dich etwas zu befreien, du hast schon soviel geleistet....ich weiß aber selbst nicht, wie ich weiterhin damit umgehe. Ich wünsch dir ganz viel Glück und Kraft !!
Novembergirl



swedenstar
Beiträge: 25
Registriert: Fr 29. Jul 2011, 00:34

AW: Lebe ständig mit einem schlechten Gewissen

Beitrag von swedenstar » Mi 24. Aug 2011, 01:34

Hallo Markus

Es ist schon einige Zeit vergangen und du hast noch nicht geantwortet!?
Aus den Antworten sind doch viele gute Gesichtspunkte da, die dir weiterhelfen können. Darf ich dir noch etwas ergänzen:

Deine letzte Frage zeigt mir, dass deine Gewissensregung vom Verständnis deiner Mutter abhängig ist. Und das ist eine Machtverschiebung, die so nicht sein muss.
Gott hat dir ein Gewissen ( Mitwisser, Beurteiler ) gegeben, damit
du selbst nach gut oder böse entscheiden kannst.

Aus deiner Schilderung sehe ich nur wirklich gute Motive.

Gott sagt zu David im Alten Testament, als er ihm einen Tempel bauen wollte: Weil dies in deinem Herzen gewesen ist, hast du wohl getan.
Mir hat dieser Vers schon über manche Unmöglichkeiten des Lebens geholfen. Vielleicht jetzt dir auch? Natürlich ist dieser Vers kein Ausruhparagraph.

So wie du bisher vorbildlich gehandelt hast, kannst du sie ja bei Gelegenheit später besuchen und wie ich einschätze, wirst du diese Gelegenheiten auch suchen, aber nicht unter fremdem Gewissenszwang, das ist bei dir nicht nötig.
Es ist doch ganz natürlich, dass irgendwann auch i h r Nest leer wird.
Und dieser Spagat, beides zu erfüllen geht eben nicht.
Sie muss dich trotz ihres Abhängigkeitsverhältnisses freigeben lernen.

Es gibt eine, wenn auch manchmal leidende Liebe, die stark genug ist, freizugeben, zur Freude und zum Glück des Anderen.
LG swedenstar


Jeder Zeit das Gute abgewinnen :)

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