Wie erlebt Ihr als Professionelle Pflege?

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Sonnenkuss
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Registriert: Mi 31. Dez 2003, 18:39

Beitrag von Sonnenkuss » Sa 1. Okt 2005, 12:37

Liebe Marcella,
ich mache diese Arbeit seit dreieinhalb Jahren und habe immer gehört man sei nach fünf Jahren ausgebrannt und leer.
Bei mir ist es im Moment soweit.

Ich sitze nur noch zuhause und heule, sobald ich nur an die Arbeit denke -die mir eigentlich, gerade im Nachtdienst immer soviel gegeben hat...

Ich kann nicht mehr und habe auch keine Kraft und Energie mehr um die mir anvertrauten Leute gegenüber meinem Arbeitgeber (erschwerdend kommt hinzu, ein kirchlicher Träger - ich könnt schreien!) noch zu verteidigen und die Pflege wenigstens ein bißerl menschlich zu erhalten.

Das Schlimmste wie meist, wenn die Umstände mies sind, dann machen die Kollegen noch fleißigst mit und meinen dadurch einen Bonus oder was weiß ich zu kriegen...
Nee, ich muß mich im Moment den Pflegewahnsinn entziehen, sonst bin ich bald einweisungswürdig.
Ich überdenke mich und mein Lebensmodell völlig neu, ob die Pflege für mich noch tragbar ist usw.

Marcella, wenn du Kraft und Mut hast, kämpfe für eine würdige Pflege.
Solche Menschen braucht die Altenpflege, denn ich bin ausgelutscht und kann nicht mehr.
Lg SoKu.



Soleille
Beiträge: 88
Registriert: Do 22. Sep 2005, 12:37

Beitrag von Soleille » Sa 1. Okt 2005, 18:08

Hallo ,Sonnenkuss

ist vielleicht jetzt off topic ,aber:

ich kann dich gerade gut verstehen ,weil es mir kaum anders geht.

Ich bin nach drei Jahren Nachtdienst erst einmal 8 Wochen in einer Klinik
gewesen - ist jetzt auch wieder drei Jahre (Tagdienst) her.

Es wird immer schlimmer,das alles mit anzusehen - und zu wissen,was verkehrt ist,es aber nicht besser machen zu können oder zu dürfen.

Im Moment verliere ich mein Fähigkeit,mitzufühlen.
Ich will es so nicht.
Aber es passiert.

Dabei arbeite ich in einem Heim,das regelmäßig gute Bewertungen erhält
(ebenfalls kirchlicherTräger)
Unsere Bewohner werden gut versorgt,wir haben niemals Dekubiti z.B.

Aber wie mit den Dementen umgegangen wird,aus Unwissenheit,das belastet mich.



t-rex
Beiträge: 474
Registriert: Fr 18. Mär 2005, 10:52

Beitrag von t-rex » Do 3. Nov 2005, 08:04

Deswegen bin ich in der ambulanten Pflege.
Meinen Pat., Kolleginnen und mir geht es ausgezeichnet und meinem Chef auch. :god siese :evil:


:liebe verliebt und verheiratet :evil:

andrea
Beiträge: 3406
Registriert: Di 16. Jul 2002, 19:15

RE: Nicht aufgeben

Beitrag von andrea » Fr 18. Nov 2005, 15:46

Original von PflegeSchülerChris

Ich finde es schlimm das Menschen die diesen Beruf ausüben solche Heuchler sind, denn die Liebe zum Menschen lässt sich nicht durch solche schlechten Rahmenbedingungen zerstören, vielleicht wissen sie nicht was es heißt wirklich zu pflegen, was pflegen ist, und welche Qualität gut wäre.
Hallo Chris,
ich finde deine Aussage ziemlich überzogen und ungerecht, es gibt sicher viele Pflegekräfte die so sind ,aber mit Sicherheit ebenso viele Kräfte die keine Heuchler sind, die sich Tag für Tag aufreiben und sich einsetzen.
Leider läßt sich das in der Schule Erlernte nicht voll umsetzen, dafür fehlt es einfach an Personal, nichts desto Trotz gibt es eine Menge PK die ihre Arbeit ernst nehmen, den alten Menschen annehmen mit seiner Biographie und somit versuchen eine ganzheitliche Pflege für den jeweiligen BW zu leisten.
In den Medien wird meist nur von Mißständen gesprochen..........................deshalb sollte man hinter die Fassade sehen in vielen Einrichtungen wird versucht das Beste aus der ganzen Situation zu machen, wenn dies nicht so wäre dann würden die PK nicht über die zu hohe Arbeitsbelastung klagen.
Gruß andrea


„Rechthaben ist erst eine Kunst; wenn auch die anderen glauben, dass mans hat!”

ferdi
Beiträge: 994
Registriert: Di 10. Mai 2005, 18:55

wichtig ist man muß für sich den richtigen Weg finden

Beitrag von ferdi » So 20. Nov 2005, 00:43

am 31.12. beende ich mein 23 zigtes Berufsjahr.
11 Jahre, 2 städtische Heime, 11 Jahre, 2 ambulante Dienst, 1 Jahr Tagespflege (gleicher AG).
Da ich vor 18 Jahren vor dem Problem "Kind oder Kariere" stand und mich für Kind endschieden habe, bin ich einfache AP geblieben.
Ich habe nur die 2 jährige Ausbildung ( kurz danach gab es hier die 3 jährige) und nur das nötigste dazu gelernt.
Ja, jüngeren gegenüber hatte ich Minderwertigkeitsgefühle. Vor einem Jahr hatte dann auch das Gefühl "das war es wohl". Zu alt und den Anforderungen nicht mehr gewachsen.
Hatte ich eine Heidenangst vor den vielen AP-Praktikanten in der Tagespflege.
Erst habe ich gelernt die Spreu vom Weizen zu unterscheiden.
Dann habe ich gelernt zugegebe, du machst mir in der Theorie was vor aber ich kann dir die Praxis hautnahe vermitteln.

Wie war das damals?
Wir haben erkannt das man mit Bographiearbeit leichter an den Menschen heran kommt.
Wir haben Konzepte erstellt, mündlich, umgesetz und erreicht.
Wir haben freiwillig die Dokumappen eingeführt, die noch heute gültig sind.
Die Altenpflege war im Aufwärtstrend.
Es gab echte Erfolgserlebnisse.
Weiterbildung zahlte der Arbeitgeber.
Es ging voran mit riesen Schritten.
Ein Beruf mit Zukunft.

Wie ist das heute?
Die Pflegversicherung kam und alles lief rückwärts.
Dokumentation die ein erschlägt. Pflegequalität?, damals hatten wir mehr Zeit die zuleisten. Zeitvorgaben für jede Handreichung.
Die Altenpflege ist im Abwärtstrend.
Erfolgserlebnisse? Keine Zeit.
Weiterbildung muß man heute mitbringen.
Es geht nur noch im Gänsemarsch.
Mit sehr viel Kraft und Idealsmus auch heute noch ein Beruf mit Zukunft.

1993 habe ich noch mein Gehalt in Höhe von ... gefordert.
2000 mußte ich bittere Abstriche hinnehmen.
Wenn ich jetzt meinen Job verliere gehe ich bis zur Rente in Hartz IV.

Auch wenn Du es so empfindest Chris, andrea hat recht es sind keine Heuchler. Es sind Menschen mit nackter Existenzangst. Angst die von den Argeitgebern aus reiner Profitgier schamlos ausgenutzt wird.
Wir haben hier 8 städtische Häuser, es ist eine GmbH die auch nicht mehr bekommt als jedes private Haus.
Die Bwohner sind optimal versorgt, das Personal ist ausreichend und wird mit allen Extras nach dem neuen TVöD bezahlt und sie stehen mit Millionen im Plus.

Liebe AP-SchülerInnen,
ich gehöre zu der nächten Generation der Alten. Auch wenn die Praxis hart
und bitter ist, Ihr seit die Hoffnungsträger. Wir konnten fordern. Wir hatten unsere täglichen Erfolgserlebnisse und konnten ausgiebig die nächsten Schritte planen. Uns hat die Pflegversicherung (die Idee war ja gut) mit ihren heutigen, für mich an Wahnsinn grenzenden Vorschriften, aus dem Sattel gehauen.

1990 war mir klar das ich mit 55 in Rente gehe und mich rechtzeitig um ein Altenheimplatz kümmere.
Am Sonntag bin ich 55 geworden. Ich muß, oder soll ich sagen darf? noch 10 Jahre. Altenheim? nein danke.


Auf einmal war mein Beruf, "Altenpflege", nur noch Zeit und Geld. Das hat dazu geführt das ich auch nicht mehr zu den "besser verdienenden" gehöre.
Handtuch werfen?, was dann? Schlucken und weiter machen?, warum?

Gedanken:
du hast die AP der KP vorgezogen weil du dem Menschen nahe sein wolltest. Bin ich das? - - Ja, ich verstehe seine Körpersprache, ich lese in seinen Augen.

Erkenntnis:
Es geht nur in sehr kleinen Schritten aber Kolleginnen die genauso denken sind auf deiner Seite, mit denen kannst du was ändern.
Heuchler sind selten, es sind Angsthasen. Richtig motiviert werden sie zu Tigern.

Auch wenn es zur Zeit ein hartes Brot ist, ich bin, ich bleibe und ich würde wieder AP.

ferdi



Dirk Höffken
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Aus den Tiefen & Untiefen des Pflegealltages

Beitrag von Dirk Höffken » So 20. Nov 2005, 12:03

Hallo ferdi.
Original von ferdi
Erkenntnis:
Es geht nur in sehr kleinen Schritten aber Kolleginnen die genauso denken sind auf deiner Seite, mit denen kannst du was ändern.
Heuchler sind selten, es sind Angsthasen. Richtig motiviert werden sie zu Tigern.

Auch wenn es zur Zeit ein hartes Brot ist, ich bin, ich bleibe und ich würde wieder AP.

ferdi
Nun ist es endlich soweit (kann zwar noch was dazwischenkommen, aber ich glaube nicht das ich scheitere!!! ;-) :-) ): Meine Tage als Pflegefachkraft neigen sich endlich dem Ende! Aus den Tiefen und Untiefen des Pflegealltages widerspreche ich dir aus vollem Herzen: Nie wieder! Auf gar keinen Fall mehr Pflege!!!

Seit 1997 bin ich nun Krankenpfleger. Zwar habe ich die gesamte Zeit in Krankenhäusern verbracht (die Homepage meines noch Hauptarbeitgebers: http://www.sankt-katharinen-ffm.de ), aber davon den größten Teil in der Geriatrie. Neben allem anderen um das ich mich kümmern wollte und muss habe ich mich auch immer, oft genug ohne Bezahlung, für die Pflege eingesetzt. Was ist dabei herausgekommen: Nichts! Na ja, zumindest nicht viel :-( . Beispiele: Viele Schüler, an deren Ausbildung ich beteiligt war, sind in den letzten Jahren in die Arbeitslosigkeit gegangen. Der tägliche Papierkrieg ist wichtiger als die Patienten!

Passendes Zitat dazu:
Bei der Eroberung des Weltraums sind zwei Probleme zu lösen: die Schwerkraft und der Papierkrieg. Mit der Schwerkraft wären wir fertig geworden. - Wernher Freiherr von Braun

Der Mensch, dazu gehören auch Pflegekräfte ;-) , redet sich viel ein! Schauen wir nur auf den Koalitionsvertrag der Bundesregierung in spe lässt sich erahnen was uns (nein euch :-) ) alles erwartet! Allein die Ausdehnung der Probezeit auf 24 Monate wird ihre Wirkung im Bereich der Pflege nicht verfehlen. Das auch danach faktisch nur noch ein geringer Kündungsschutz bestehet und die Unkündbarkeit aus betrieblichen Gründen nach 15 Jahren letztendlich nur noch in Teilen vorhanden ist (sie ist durch die BAG Rechtsprechung durchlöchert) wird die Situation in der Pflege nicht gerade verbessern. Die Macht der Gewerkschaften ist längst gebrochen! Nur gibt das Keiner zu!

So, nun sind es noch drei Tage Spätdienst! Bevor ich nun gleich meinen Dienst antrete sage ich:

Es ist zur Zeit ein hartes Brot und wird in Zukunft noch härter, ich bin, bleib es nicht und ich würde nie wieder KP!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Höffken



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DollscheVita
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Beitrag von DollscheVita » So 20. Nov 2005, 13:07

Hallo Dirk Höffken,

was machst du ab Mi. 23.11.05, hast du eine Prüfung?
Drücke dir auf alle Fälle die Däumchen, kann auf keinen Fall schaden.
Du bleibst doch hoffentlich dem Forum treu?
Denn auf deine qualifizierten Antworten würde ich, und da stimmen mir die Anderen wohl zu, ungern (Quatsch ungern, du bist ein Stück Autorität hier) verzichten wollen.

Ade KP willkommen als.....
Moin, Moin aus dem Hohen Norden


LG - DollscheVita -

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DollscheVita
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RE.: Wie erlebt ihr pofessionelle Pflege. Wichtig ist man muß für sich einen Weg finden

Beitrag von DollscheVita » So 20. Nov 2005, 13:53

Hallo Marcella, Sonnenkuss, Soleille, Schwietie, Schnitte, Marie, Siese, PflegeSchülerChris, Andrea, Ferdi,

mich haben eure ehrlichen Beiträge beeindruckt. Haben mich nachdenklich und traurig gestimmt.
Ich bin wie Ferdi nicht mehr die Jüngste ( Jahrgang `53 ) allerdings habe ich keine 23 Jahre Berufserfahrung. Nur 2 Jahre Umschulung und jetzt seit 1 1/2 Jahren in der stationären Pflege. Habe mir wegen geringer Pflege-/ Berufserfahrung die ambulante Pflege ( 8 Wochen Praktikum ) nach der Ausbildung nicht zugetraut.
Ich werde wohl in 2 Jahren in die ambulante Pflege gehen.
Mich interessiert die Hospitzbewegung und habe bereits an einigen Veranstaltungen teilgenommen, möchte jetzt eine Weiterbildung in der Sterbebegleitung machen.
Die Pflege in institutionalisierten Einrichtungen entsprechen nicht meinen Vorstellungen von Individualität. Jedoch sehen das viele unserer Bewohner anders, Gott sei Dank!
Sie fühlen sich gut aufgehoben, haben nichts gegen den vorgegebenen Tagesablauf, möchten um 12 Uhr Mittagessen...........
Also sind es meine Projektionen die mir zeitweise die Arbeit erschweren!?
Ferdi, ich hoffe auch zu deiner Erkenntnis zu gelangen und ziehe den Hut.

Meine Empfehlung: Geht achtsam miteinander um!
Hochachtung
DollscheVita


LG - DollscheVita -

t-rex
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RE: RE.: Wie erlebt ihr pofessionelle Pflege. Wichtig ist man muß für sich einen Weg finden

Beitrag von t-rex » Mo 21. Nov 2005, 12:43

Hallo, Ihr Alle

ich komme gerade vom FD, war eine angenehme Runde.
Es ist doch immer wieder schön, wenn die Pat. sich freuen mich zu sehen. Mir geht dann so richtig das Herz auf.
Ich bin gerne und mit ganzem Herzen AP und würde es sofort wieder machen, aber die "alten Idealisten ( so einer bin ich) " sterben aus.
Wohlgemerkt, ich bin nicht christlich, in keinster Weise. Für mich zählt der Mensch. Es ist auch keine Nächstenliebe, die mich zu diesem Beruf geführt hat, einfach die Liebe zum Menschen an sich. Auch wenn es weniger freundliche gibt.

Machts gut, ich möchte gern was essen und trinken
:D siese :evil:


:liebe verliebt und verheiratet :evil:

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schnitte
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professionalisierung der Altenpflege

Beitrag von schnitte » Mo 21. Nov 2005, 13:21

also ich muss zugeben, dass mich auch oft Negatives feststelle, das einer Professionalisierung ganz und gar nicht näher kommt. meist sind es die jungen altenpflegerinnen, die meiner meinung nach zu laut und flink sind. da ist ein Radio in der küche, eins im dienstzimmer und eins im essenssaal an, die jeweils moderne laute musik spielen. dann sind die mädels fix und tratschen kreischend über den flur. wirklich unangenehm. ich war lange zeit in solch einem team und war froh, als ich endlich unter älteren eingesetzt wurde.
andererseits habe ich auch erfahrene kräfte kennengelernt, die alte menschen bevormunden und anschreien, mit ihnen schimpfen, ihnen dinge verbieten.... Hierbei handelt es sich leider meist um Krankenschwestern, die uns altenpflegern, zeigen wollen wie man alles besser macht.
ich möchte um himmels willen niemanden schlecht machen oder über einen kamm scheren, da ich auch junge auszubildene kenne, die liebevoll und ruhig sind und auch eine krankenschwester, die ich nur mit herzlichen umgang kenne.
aber in der regel muss ich gestehen, finde ich sind die ungelernten Pflegehelfer mit jahrelanger berufserfahrung oder die umschüler mit ihren über 35 jahren meist die nettesten und doch zuverlässigsten in der pflege.

Traurigerweise lässt sich scheinbar in der regel nur selten vereinbaren, dass jemand fachlich gut und doch menschlich ist. und noch trauriger finde ich, dass dies oft nur auf grund von machtspielchen zwischen schwestern und pflegern, und ausgebildeten und nicht ausgebildeten ist.
Diejenigen, die sich nämlich nicht so sicher in ihrem beruf sind, und sich viel mehr um alles sorgen, denken meist viel öfter über ihr handeln nach als andere.



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DollscheVita
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Beitrag von DollscheVita » Mo 21. Nov 2005, 13:50

Hallo Schnitte,

ich hätte zu carpe diem noch delecta noctem hinzuzufügen.
Und nicht nur die letzten, möglichst jeden.

Grüße aus Südschweden


LG - DollscheVita -

andrea
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RE: professionalisierung der Altenpflege

Beitrag von andrea » Di 22. Nov 2005, 01:05

Original von schnitte
Diejenigen, die sich nämlich nicht so sicher in ihrem beruf sind, und sich viel mehr um alles sorgen, denken meist viel öfter über ihr handeln nach als andere.
Du sprichst mir aus der Seele!


„Rechthaben ist erst eine Kunst; wenn auch die anderen glauben, dass mans hat!”

Geggele
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RE: Wie erlebt Ihr als Professionelle Pflege?

Beitrag von Geggele » Di 22. Nov 2005, 06:50

So Hallo erstmal,

ich hab den ersten Beitrag gelesen und bin geschockt. geschockt deshalb, dass es solche Zustände HEUTE noch gibt. Ich bin es gewohnt, dass in meiner Gegend alle Pflegesdienste und Einrichtungen die Heimaufsicht im Nacken haben. Da stellt sich mir die Frage, ob es in dieser Gegend noch so eine Institution gibt??? Gab es denn keine Pat., Bew. Angehörige die diese Umstände jemals jemandem gemeldet haben???


http://http://server3.das-arbeitslosens ... p?id=12370

Die Hummel ist biologisch eigentlich zu schwer um zu fliegen. Das weiß die Hummel aber nicht, sie tut es einfach.

Dirk Höffken
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Anderer Gedankengang

Beitrag von Dirk Höffken » Do 24. Nov 2005, 02:22

Hallo.
Original von schnitte
... "andererseits habe ich auch erfahrene kräfte kennengelernt, die alte menschen bevormunden und anschreien, mit ihnen schimpfen, ihnen dinge verbieten.... Hierbei handelt es sich leider meist um Krankenschwestern, die uns altenpflegern, zeigen wollen wie man alles besser macht.
ich möchte um himmels willen niemanden schlecht machen oder über einen kamm scheren, da ich auch junge auszubildene kenne, die liebevoll und ruhig sind und auch eine krankenschwester, die ich nur mit herzlichen umgang kenne.
aber in der regel muss ich gestehen, finde ich sind die ungelernten Pflegehelfer mit jahrelanger berufserfahrung oder die umschüler mit ihren über 35 jahren meist die nettesten und doch zuverlässigsten in der pflege.

Traurigerweise lässt sich scheinbar in der regel nur selten vereinbaren, dass jemand fachlich gut und doch menschlich ist. und noch trauriger finde ich, dass dies oft nur auf grund von machtspielchen zwischen schwestern und pflegern, und ausgebildeten und nicht ausgebildeten ist.
Diejenigen, die sich nämlich nicht so sicher in ihrem beruf sind, und sich viel mehr um alles sorgen, denken meist viel öfter über ihr handeln nach als andere."
Professionalisierung beginnt in der Ausbildung! Einen Katheter legen, eine i.m. Injektion korrekt durchzuführen, u.s.w. ist relativ leicht zu erlernen. Auf das erlernen dieser Fähigkeiten wird in der Ausbildung jedoch überproportional viel Zeit verwendet. Wenig Zeit wird für die Soft Skills aufgebracht und noch viel weniger Zeit auf den Umgang mit sich selbst. In der praktischen Ausbildung findet das erlernen dieser Fähigkeiten überhaupt keinen Raum!

Überall, auch in diesem Forum, wird häufig über Gewalt in der Pflege diskutiert. Häufig wird dann eine Differenzierung zwischen gelernten und ungelernten, jungen und älteren sowie Alten- und Krankenpflegekräften vorgenommen. Erklärungen bietet dieser Ansatz nicht! Ursächlich sind u.a. oft die Kollision zwischen der persönlichen Lebensgestaltung und -planung und den Anforderungen die von Seiten des Arbeitsplatzes an die einzelne Pflegekraft gestellt werden. Organisatorischen Umstände, also zu wenig Personal, zu viel Arbeit, etc., nehmen erheblichen Einfluss auf den Umgang mit anderen Menschen. Frustration, Aggression bzw. Gewalt gegen Pflegebedürftige und/oder Kollegen findet seinen Ursprung häufig an dieser Stelle! Genannt sei das ständige, zudem häufig ungefragte, ändern des Dienstplans um Personalausfälle kompensieren zu können. Dies wiederum führt zwangläufig zu zusätzlichen Einbußen und Problemen im Privatleben. Aggressionen werden dann an den schwächsten Gliedern der Kette ausgelebt, seien es die Patienten bzw. Bewohner, seien es die Kollegen, sei es der Partner, die Kinder oder an sich selbst.

Vielleicht fügen sich die ungelernten Pflegekräfte einfach häufiger in ihr Schicksal. Zumindest nach außen! Vielleicht haben junge Pflegefachkräfte und Schüler mal was anderes vor, als nun auch noch das vierte Wochenende am Stück zu arbeiten. Zumal viele junge Erwachsene noch in der Phase der Selbstfindung sind. Ihren Platz im Leben suchen. Vielleicht stellen sich Krankenpflegekräfte ihren Berufsalltag anders vor als Altenpflegekräfte. Vielleicht sehen Pflegefachkräfte häufiger die Fehler in der pflegerischen Versorgung als ungelernte Pflegekräfte. Vielleicht sollten wir berücksichtigen das die derzeitige Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht jedem ermöglicht seinen Traumjob auszuüben und die Lohnentwicklung so manchen zu einem Zweitjob zwingt. U.s.w..

Es ist bar jedweder Realität zu glauben, all dies könnte beim Kontakt mit dem Pflegebedürftigen, den Angehörigen und den Kollegen einfach zur Seite geschoben werden. Es bedarf eines ganzheitlichen Konzeptes von Führungskräften sowie theoretisch und praktisch Lehrenden um den praktisch Pflegenden gewaltfreie Wege aufzuzeigen.

Aggression ist eine der vielen unproduktiven Bewältigungsmöglichkeiten, wenn einer Person keine anderen Handlungsoptionen mehr zur Verfügung stehen. Empathie, dies sei noch angemerkt, endet nicht beim Pflegebedürftigen und seinen Angehörigen! Vielleicht benötigen manchmal auch die Kollegen und Schüler etwas Unterstützung.


Mit freundlichen Grüßen

Dirk Höffken



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