Validation und Umgang mit Demenz

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Dirk Höffken
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RE: Validation und Umgang mit Demenz

Beitrag von Dirk Höffken » Mi 7. Apr 2004, 11:00

Hallo Hendrik.

Wo siehst du maßgebliche Unterschiede zwischen der Validation nach Feil, der integrativen Validation nach Richard und der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers?

MfG DH

Zitat:
Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. - Søren Kierkegaard



Dirk Höffken
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Beitrag von Dirk Höffken » Mi 7. Apr 2004, 13:00

Hallo Hendrik.

Die Frage kommt nicht von Ungefähr. Für mich sind alle drei Methoden (Feil, Richard und Rogers) im Prinzip das Gleiche. Eben mit unterschiedlichen Namen.

Mal ein kurze Gegenüberstellung:

Ein Ausschnitt aus deiner Ausarbeitung:
...„Dies beinhaltet natürlich auch, das wir Frau Meier nicht ihr Glas wegnehmen nur weil sie den Kaffee und Apfelsaft gemischt hat. Wir müssen uns immer vor Augen halten wer das Problem damit hat!“...

Ein Beispiel von mir zum Vergleich:
Ein 19 – jähriger, der sich aus dem 5 Stock eines Hauses gestürzt hat, weil ihn die Freundin verlassen hat.

Für beide Beispiele gilt für mich als Pflegekraft:
1. Positive Wertschätzung
2. Einfühlendes Verstehen
3. Echtheit

Bei allen drei Methoden geht es Letztlich um das, was uns respektive den Pat. bewegt, nicht um Moral, nicht um Logik, nicht um richtig oder falsch, sondern es geht nur um die Gefühle unseres Pat. bzw. um unsere Gefühle. Die Pflegekraft muss alle drei Bedingungen erfüllen, so dass beide am Gespräch bzw. der Situation beteiligten Personen aufhören können, gegen sich selbst zu kämpfen, weil der Pat. z.B. internen oder externen Normen nicht entspricht. Wir sollen weg vom Bewerten und Manipulieren hin zum Verständnis und damit zur Akzeptanz dessen, was ist.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Welt des Pat. aufgrund einer Erkrankung (Demenz) oder aufgrund einer Situationsbewertung (Freundin weg = Suizid) mit der Welt der Pflegekraft, der „normalen“ Welt, nicht Übereinstimmt.

Es ist aus meiner Sicht für Pflegekräfte sogar Ungünstig derartige Differenzierungen vorzunehmen. Denn wir müssen jeden Patienten so akzeptieren wie er ist. Ansonsten verfallen wir in ein Bewertungsschema, welches weder dem Pat. noch uns hilft. Wir Teilen ein in Gut und Schlecht. Hiervon gibt es nur wenige Ausnahmen.

MfG DH

Zitat:
Wir bewältigen unseren Alltag fast ohne das geringste Verständnis der Welt. - Carl Sagan (amerikan. Astrophysiker (geb. 1934))



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doedl
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Beitrag von doedl » Mi 7. Apr 2004, 17:50

Hallo Ihr

interessantes Thema.......... nun hab ich grad gestern dazu ein Seminar gehalten, wo auch u. a. ein Workshopthema darin besteht, eine typische Pflegesituation darzustellen, in der ein dementer Bewohner etwas möchte, was er nach Auffassung der Pflegekräfte lieber nicht tun sollte.

Was mich immer wieder positiv überrascht ist die Tatsache, dass Pflegekräfte durch ihre pflegerische Erfahrung stets ein validierendes Gespräch mit dem Bewohner darstellen, auch wenn sie zum Thema noch nichts oder nicht viel gehört haben.

Am wichtigsten erscheint mir, Beziehung aufzubauen, den Gegenüber ernst zu nehmen, auch wenn die Situation mit unserer erlebten Realität überhaupt nichts zu tun hat, wie Dirk das ja auch schön beschreibt.

Ein weiterer wichtiger Satz von Dirk beinhaltet unser Normenverständnis- weil "man" nicht mit langer Unterhose auf den Flur oder die Straße geht, werden dann Kämpfe ausgefochten. Hm... übrigens garnicht selten, dieses Phänomen. Ich zeige in meinen Seminaren bewußt solche Grenzsituationen auf, besonders bei Einrichtungen, wo die Individualität so schön im Pflegeleitbild formuliert ist.

Der Gedanke- ich als Pflegekraft weiß schon, was für Dich Pflegebedürftigen gut ist- ist immer noch sehr verbreitet. Unsere eigene Norm bezüglich Sauberkeit, Körperpflege, Aussehen etc etc etc steht oft im krassen Widerspruch zu dem Pflegemodell oder der eigentlichen Zielsetzung von Pflege........

Lieben Gruss

Doedl

http://www.temporaire.info


Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen- Mahatma Gandhi

Dirk Höffken
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Beitrag von Dirk Höffken » Mi 7. Apr 2004, 21:22

Hallo.

Drei Textausschnitte:

Aus „Eine grantige alte Frau“ - Nach Faith Gibson
„Was sehen Sie, Schwester, wenn Sie mich angucken, und was denken Sie? Eine knöterige Alte mit abwesendem Blick, nicht mehr ganz zurechnungsfähig, die sich nicht zu benehmen weiß und kleckert und nicht antwortet, wenn Sie ihr mit lauter Stimme sagen, sie solle sich doch wenigstens ein bisschen Mühe geben, die nicht zu beachten scheint, was Sie machen, die mal hier einen Strumpf verliert und da einen Schuh, und die trotz aller Ermahnungen nicht mithilft, wenn sie gebadet oder gefüttert wird. Wenn Sie das, Schwester, sehen und denken, dann liegen Sie falsch. Das bin ich nicht, die da so still sitzt, und die auf Ihr Geheiß aufsteht und isst. Machen Sie Ihre Augen auf. Ich sage Ihnen, wer ich bin. Ich bin ein Kind von 10 mit einem Vater und einer Mutter und Brüdern und Schwestern, die einander lieben.“...

Aus „Helens Geschichte“ - Übersetzt von Astrid Krueger
...“Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, mir vom Hinterkopf bis zum vorderen Teil meines Kopfes die Haare auszureißen. Mit den kahlen Stellen auf meinem Kopf, die immer größer wurden, wurde ich immer hoffnungsloser. Versuche das ganze zu stoppen, hielten nur wenige Minuten an. Es gibt keine Beschreibung für die Scham, die man empfindet, wenn man außer Kontrolle gerät, wenn man glaubt, man hat eine Art von Charakterdefekt und nicht die Willenskraft, es zu stoppen, zusätzlich zu der Peinlichkeit, so merkwürdig auszusehen.“...

Aus „In Memoriam of Andrew Kurtz” – Abschnitt: Lebensmüde sein
...“Ich weiß wirklich nicht warum ich all diese Gefühle habe. Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass ich so sehr leide in all den Jahren? Eine Zeit lang habe ich wirklich versucht mit diesen Gefühlen, diesem Unbehagen und der Ohnmacht, fertig zu werden aber ich bin einfach nicht glücklich. Ich bin ziemlich gut darin meine Gefühle zu verstecken und den Menschen um mich herum etwas vorzumachen, so zu tun als wäre nichts, aber es ist schwer mir selbst etwas vorzumachen. Ich bin sicher, dass die Leute sehr überrascht sein werden wenn sie nächste Woche von meinem Tot hören, aber niemand von ihnen weiß was für Gefühle das sind die ein lebensmüder Mensch hat. Mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf und alle führen zum Selbstmord. Ich war niemals wirklich glücklich und der einzige Gedanke, der mich ein wenig glücklich macht ist der Gedanke zu sterben.“...

Der Begriff emotionale Kommunikation eignet sich Besser als Validation, integrative Validation, klientenzentrierte Gesprächsführung, u.s.w.. Er ist auf alle drei Beispielfälle anwendbar. Es kommt auf den Inhalt, den Kern an. Es muss klar sein, was das Ziel einer Methode ist. Durch einfach und verständliche Begriffe verliert die Pflege nicht an Fachlichkeit. Im Gegenteil. Sie gewinnt Fachlichkeit hinzu. Verständlichkeit stellt u.a. den Pat. (Bewohner) wieder ins Zentrum. Nicht die Pflegekraft.

Denn wer würde schon in den beiden letzten Beispielen validieren? Ist ja schließlich nur etwas für Demente!!!

MfG DH

Zitat:
"Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. - Der Sinn des Lebens bist du.
Was sonst könnte es sein?" - Michael Barnett



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Marcell
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Beitrag von Marcell » Do 3. Jun 2004, 23:04

Hallo Michael

Unter http://www.altenpflegeschueler.de/ausar ... dation.php ist die Arbeit von Hendrick online verfügbar.

Grüße

Marcell



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