Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

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Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von Filter » Do 23. Nov 2017, 01:42

"sag uns was er mit dir macht..."

Liebe Pflegekraft, lieber Kollege

in unserem Beruf kommen wir häufig mit Menschen in Kontakt, die unter starken Schmerzen leiden. Trotz guter Pflege und moderner medizinischer Therapie kann diesen Menschen nicht immer geholfen werden, Medikamente werden nicht vertragen, wirken kaum oder möglicherweise auch überhaupt nicht, Maßnahmen werden abgelehnt oder können aufgrund weiterer Erkrankungen nicht oder nur unzureichend angewendet werden. Die Gründe sind vielfältig, das Ergebnis jedoch immer dasselbe, Bewohner in diesem Zustand leiden und bringen dieses Leiden auf verschiedene Arten uns gegenüber zum Ausdruck.
Mich interessiert die Frage „was macht das mit uns als Pflegekraft, welche Wirkung hat dieses, von uns unmittelbar beobachtet Leid auf uns als individuelle Person, auf unsere Gefühle, auf unser Handeln und wie gelingt es uns damit umzugehen?“.
Und eben auf diese Fragen möchten wir gemeinsam mit euch einige Antworten finden.

Mit folgendem Link gelangt ihr zu einem Online – Fragebogen, den wir zu diesem Zweck im Rahmen einer internationalen Forschungsstudie entwickelt haben:

https://www.soscisurvey.de/Schmerz17/

Bevor du mit der Bearbeitung des Fragebogens beginnst, möchte ich mich bei dir dafür bedanken, dass du uns bei unserer Arbeit unterstützt und die Fragen so ehrlich wie möglich beantwortest. Dabei gibt es kein „richtig oder falsch“ - geh die Sache ruhig und entspannt an, alle Informationen welche der Fragebogen erfasst sind vollkommen anonym


Liebe Grüße

Mario und Team



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Re: Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von Elfriede » So 26. Nov 2017, 18:29

Moin Mario & Team !

1.) Danke für die Antwort auf meine PN.
2.) Falls noch nicht geschehen : Geht doch mal auf "allnurses.com" (amerikanisches Pflegeforum). Da findet Ihr unter dem Suchbegriff "suffering" einiges an An- und Einsichten in englischer Sprache und unter amerikanischen Bedingungen. In wieweit sich das übertragen lässt, sei dahingestellt.

Frohes Schaffen

Frieda


Es gibt keine dummen Fragen - nur dumme Antworten.

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Re: Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von Filter » Mo 27. Nov 2017, 23:24

Hallo Frieda, danke für den Tip und alles was dazu gehört

Liebe Grüße

Mario



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Re: Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von Filter » Fr 1. Dez 2017, 01:48

Hallo an alle hier im Forum (ganz besonders jene die sich für unsere Umfrage / unser Thema interessieren), auch wenn´s möglicherweise etwas lang für einen Foren-Beitrag ist und ich mir zudem nicht ganz sicher bin, ob´s tatsächlich hier hinein passt, anbei die Schilderung eines Fallbeispiels aus meiner Zeit als "Nachtdienstler" mit (subjektivem) Bezug zum Thema...

P.S.: der Beitrag wurde gemeinsam mit dem "Fragebogen - Link" ebenfalls in einem anderen Forum in dieser Form veröffentlicht

Liebe Grüße

Mario


Frau B. hat den Notruf betätigt, zum wiederholten Male in dieser Nacht. Frau B. hat Schmerzen, sehr starke Schmerzen, trotz medikamentöser Therapie. Polyarthritis, ausgeprägte Form, nahezu alle Gelenke ihres Körpers sind betroffen.
Frau B. ist weitestgehend immobil. Tagsüber bewegt sie sich autonom mit einem elektrischen Rollstuhl innerhalb des Lebensbereiches. Nachts liegt sie meist wach in ihrem Bett und weint, betet, jammert, wimmert, ruft, schreit. Nachts kann sie sich nicht bewegen, kann sie dem Schmerz nicht entfliehen. Nachts ist sie alleine, mit ihren Gedanken, dem Ticken der Uhr, ihrem schmerzenden Körper.
In manchen Nächten schweigt sie. Dann betätigt sie die Rufanlage. Mehrmals. Manchmal ununterbrochen. Sie möchte Hilfe. „Tu was“, sagt sie dann, „tu was gegen diese Schmerzen, ich halte das nicht mehr aus, ich will nicht mehr“.

Ich kenne Frau B. nun seit etwa zwei Jahren. Zu Beginn war ich von dieser mutigen Frau beeindruckt. Lässt sich nicht unterkriegen, trotz den widrigen Bedingungen ihres Zustandes. Ein intelligenter, wortgewandter, geselliger Mensch. Ich habe häufig Nachtdienst, da komme ich ihr näher, wie allen Bewohnern. Nachts liegt das Haus still, keine Aktivitäten, keine Termine, keine Ablenkung. Ich betrete das Zimmer und wir sind alleine, unter vier Augen, unter uns. Smalltalk, persönliches, sie erzählt von sich, ich ein wenig von mir. Man lernt sich kennen. Ich weiß, abseits von Diagnosen, Pflege- und Therapieberichten etwas über sie. Sie erkundigt sich nach dem Befinden meiner Familie, der Einschulung meines jüngsten Sohnes, der Geburtstagsfeier meiner ältesten Tochter. Ich verabschiede mich, sie entgegnet „bis nächste Woche“, sie kennt meinen Dienstplan.
Wir führen meist kurze, hin und wieder etwas längere Gespräche. Wie jeden anderen Bewohner des Lebensbereiches besuche ich sie mehrmals in der Nacht. Wir reden immer, weil sie immer wach ist. Ich habe sie in den ersten Monaten nicht ein einziges Mal schlafen gesehen, nie ihre geschlossenen Augen betrachtet. Ich öffne die Tür vorsichtig, behutsam und sie schaut mich an. „Da sind sie ja“.

Anfangs war ich beeindruckt. Sie ist stark. Ich möchte etwas für sie tun. Ich spreche mit meinen Teamkollegen über den Fall, mit dem zuständigen Hausarzt. Der kennt Frau B. schon viele Jahre. „Nichts zu machen“, sagt er „alles schon versucht“. Frau B. leidet unter chronischen Schmerzen. Medikamente helfen nur bedingt. Vieles verträgt sie nicht, häufig überwiegen die Nebenwirkungen den therapeutischen Nutzen. Sie steckt in diesem Körper und dieser Körper besteht nur noch aus Schmerzen.
Unsere Gespräche verändern sich. Genaugenommen führen wir keine Gespräche mehr. Sie weint viel, beginnt zu beten, unaufhörlich, das „Ave Maria“, wie ein Mantra, leise, murmelnd, in kontemplativer Zwiesprache mit Gott. Zu dieser Zeit reagiert sie wenig auf mich, scheint sich zu verschließen, in sich hinein zurückzuziehen. Meine Gefühle ihr gegenüber verändern sich. Ich beginne Mitleid mit ihr zu empfinden. Ich bin traurig in ihrer Gegenwart. Ich bin traurig bei dem Gedanken an sie. Noch immer möchte ich ihr helfen. Anders als zuvor weiß ich nun jedoch, dass ich dies vermutlich nicht kann. Es steht nicht in meiner Macht. Sie muss damit leben.

Einige Monate später. Scheinbar Alles ist verändert. Frau B. ist nicht mehr still, nicht mehr ihrem Schmerz in betendem und bittendem Leiden ergeben. Sie wendet sich ab vom Jenseits, der "Errettung" welche von dort nicht kommt. Die geräuschvolle, tobende Zeit beginnt. Frau B. ist nicht mehr still – sie ist unüberhörbar. Sie ruft, nach Hilfe, nach Uns. Sie ruft Namen, gezielt nach dem diensthabenden Personal. Am Tag und in der Nacht. Sie Ruft wenn niemand in ihrer Nähe ist und schreit sobald wir ihr Zimmer betreten. Sie Ruft Namen und Schreit Worte, Anweisungen, Flüche, Schimpfwörter, zusammenhangslos oder wohlbedacht. Sie verwünscht uns. „Ich wollte jeder von euch hätte nur einen Tag lang diese Schmerzen... dann würdet ihr sehen... dann würdet ihr etwas tun“. Kaum jemand möchte ihr Zimmer noch betreten. Ihren Rollstuhl nutzt sie nicht mehr. Sie verlässt ihr Zimmer, ihr Bett nicht. Sie erfüllt diesen Raum mit ihrem Schmerz. Ich fürchte mich beinahe vor ihr. Ich beginne nachts einen Bogen um sie, um ihr Zimmer zu machen. Sie weiß das ich Arbeite. Und ich weiß das sie es weiß. Ich weiß auch das sie wartet. Ich weiß das sie mich hört, wenn ich den Gang ihres Zimmers betrete, die Tür ihres Nachbarzimmers öffne, Herrn M. eine gute Nacht wünsche. Sie wartet. Ich zögere. Mein Körper spannt sich in Erwartung ihres Rufes. Es drängt mich an ihrer Tür vorüber zu gehen. Schnell. Aber ich habe Dienst, es bleibt keine Wahl. Ich Atme tief ein, ziehe die Tür auf. Sie schreit. Wie gehetzt stolpere ich in das Zimmer, trete an sie heran. Ich stelle keine Fragen, vermeide Blickkontakt. Ich sehe nach der Urinsonde. Beginne damit Frau B. im Bett umzulagern. Ihre Schreie werden lauter. Schmerz und Unmut, Wut. „Lass mich, lass mich!“. Ihr Körper regt sich kaum. Nur ihre Stimme bewegt sich, stemmt sich mir, meinem Handeln entgegen. Ich beeile mich. Ich möchte raus. Raus aus diesem Zimmer, raus aus dieser Situation. Ich möchte weg. Weg von ihr, ihrem starren Blick und dem schreienden Mund. Ich fürchte mich vor ihr, ihrem Verhalten. Und obwohl ich es besser weiß, nehme ich ihr Verhalten persönlich. Sie schreit ihren Schmerz hinaus. Aber sie schreit auch mich an. Gegen meinen Willen beginne ich ihr gegenüber Wut zu empfinden.


Ich hätte es kaum je für möglich gehalten. Wiederum einige Monate später stimmt sie, wie aus heiterem Himmel, dem Besuch eines Schmerztherapeuten zu. Wenige Tage später erhält sie eine angepasste Medikation, Canabis in Tablettenform. In den folgenden acht Wochen ändert sich ihre Schmerzsituation nachhaltig. Wöchentlich wird die Canabis Dosis erhöht. Der Wirkspiegel wird erreicht. Frau B. beginnt wieder ihren elektrischen Rollstuhl über den Lebensbereich zu bewegen und in der Nacht zu schlafen, tief und fest. Ich kann es bezeugen, ich sehe es, beobachte sie dabei. Ich dokumentiere diesen Umstand Nacht für Nacht. Nicht für mich, für ihren Arzt. Frau B. leugnet die Wirkung des neuen Präparates. „Es hilft nichts, ich kann nicht schlafen, tue vor Schmerzen kein Auge zu, nicht eine Minute“. Ich und meine Kollegen dokumentieren das Gegenteil, Nacht für Nacht. Die Frage nach dem „Warum“ steht im Raum. Sie schreit nun nicht mehr. Sie jammert. Sie beschwert sich. „Noch immer tut sich nichts, keine Wirkung der Medikamente, niemand der sich für sie, ihre Situation, ihren Zustand, ihr Leiden interessiert“. Wach schlafend und schlafend wach verbringt sie ihre Nächte. Ich lagere sie, mehrmals in der Nacht. Sie bemerkt mich nicht. Bisweilen erwacht sie gegen Morgen im Verlauf meiner letzten „Runde“. „Ich habe in der ganzen Nacht keinen Schlaf gefunden und sie waren kein einziges Mal hier bei mir. Zumindest sie sind am Morgen ausgeschlafen.“ Ich glaube nicht das sie wirklich „bösartig“ ist, dass sie diese Dinge sagt um mich, um uns zu verletzen. Sie lebt in ihrer eigenen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit welche nicht zwangsläufig auch unsere sein muss. Sie ist „orientiert“, nicht dement. Vereinzelt ist sie ein wenig verwirrt, womöglich als Folge ihrer Medikation.
Es gibt diese kurzen Momente in denen ich den Wunsch verspüre ihr zu wiedersprechen, ihr zu „beweisen“ dass ihre Aussagen nicht mit der Realität übereinstimmen. Ich könnte sie aufzeichnen, ihren Schlaf Filmen, mit Ton, um auch die Schnarch-Geräusche zu erfassen, ein kurzer Zoom auf die Speichelfäden die zwischen Kopfkissen und ihrem Mundwinkel verlaufen, die entgleisten Gesichtszüge und entspannten Glieder. Da ist durchaus Ärger, Ärger über sie...



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Re: Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von Elfriede » Sa 2. Dez 2017, 19:05

Doch. Das passt genau hier hinein.
Es zeigt uns, wie wichtig es ist, bei chronischen Schmerzen rechtzeitig das gesammte Spektrum des Schmerzmanagements zu nutzen.
--- Bevor der Schmerz die Psyche/Seele von Patient und Pflegendem (und beider Lebensqualität) irreversibel schädigt. ---



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Re: Umfrage - "Was macht der Schmerz von Anderen mit Uns?"

Beitrag von doedl » So 3. Dez 2017, 07:49

Das Schmerzgedächtnis scheint besser zu funktionieren, als die jetzige Wahrnehmung.

Menschen, die so viele Jahre unerträgliche Schmerzen hatten, verändern sich. Die Angst, der Schmerz kann wieder kommen, prägt das gesamte Dasein.

Vielleicht entwickelt die Dame auch eine Demenz; das könnte dazu passen, dass sie die doch jetzt erträglich Zeit gar nicht registriert, sondern ihren jahrelangen Leidensweg ständig parat hat.

Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine gute Schmerztherapie ist.

Danke für den Beitrag

Gruß Doedl


Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen- Mahatma Gandhi

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