Menschen mit Demenz - Duzen?

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Würdest du einen Menschen mit Demenz duzen?

Ja
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Nein
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9
4%
 
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andrea
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von andrea » Di 27. Mär 2007, 10:13

Uiii dodge das hört sich irgendwie "Krass" an.
In meinem Bekanntenkreis kann ich denken den Respekt muß man sich verdienen, nicht aber im Bereich meines Arbeitsfeldes.
BW/Pat. müssen sich keinen Respekt verdienen, der sollte eigentlich zur Grundhaltung einer jeden Pflegekraft dazu gehören.
Nicht umsonst arbeiten wir nicht wertend sondern wertschätzend, egal wer welche Vergangenheit hat.
Wenn es dir bei den Gedanken nur um das Du gegangen ist, hast du natürlich Recht, auch beim Duzen kann ich der Person Respekt entgegenbringen.
Ich finde allerdings, dass oft leicht daher gesagt ist, Demente sollten geduzt werden. Die Menschen mit dementiellen Erkrankungen verlieren Stück für Stück ihre Biographie, könnte dieses "Sie" nicht auch eine Art von Orientierung neben den anderen Maßnahmen bieten?
Wenn der Mensch auch nicht auf Fr.x oder Hr. x reagiert, auf z.B. "käthe möchten "sie" noch etwas trinken"? reagiert er sicher nicht anders als auf "Käthe möchtest "du" noch etwas trinken?" Allerdings gebe ich bei der Frage mit dem Sie noch ein Stück Orientierung, Sie bedeutet Erwachsen sein.
LG andrea



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johannes
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von johannes » Di 27. Mär 2007, 10:35

Daß ein Mensch, mit dem ich nicht verwandt oder sonstwie persönlich verbunden bin, mit Sie und Familiennamen angeredet wird, liegt in der deutschen Tradition begründet. Noch zur Kaiserzeit wurden die eigenen Eltern mit Sie und Herr Vater oder Frau Mutter angeredet. Wer etwas anderes praktizierte, war respektlos! Das Sie demonstrierte in dieser kaiserlichen Gesellschaft die Distanz und Unnahbarkeit bestimmter Personenkreise.

Das Du hingegen war zu dieser Zeit verpönt und wurde bestenfalls zwischen Kindern und einfachen Leuten gebraucht. Doch auch da war es den Kindern strengstens untersagt, ihre Eltern zu duzen. Wie schnell sich doch die Werte umkehren, wenn ich mir den heutigen Umgangston von Kindern mit ihren Eltern so anhöre. Würde dies heute ein Kind so handhaben wie noch vor 2 bis 3 Generationen, das wäre der Außenseiter schlechthin. Ein solches Kind wäre in der gesamten Gesellschaft unten durch!

In der Kneipe, in der Disco und bei vielen anderen öffentlichen Veranstaltungen wird heute wie selbstverständlich das Du statt des Sie gebraucht, und niemanden stört es. Selbst Arbeitskollegen, die außer ihrer Arbeit nichts mit dem anderen gemein haben, duzen sich. Und dann kommt der große Stilbruch unserer Zeit. Im Umgang mit alten Menschen soll auf einmal das Sie eine bedeutende Rolle spielen. Es wäre sträflich, das Du zu gebrauchen.

Während unsere gesamte Gesellschaftsordnung im Wandel ist - in vielen Bereichen ist der Wandel schon unumkehrbar vollzogen -, gibt es immer noch Nischen, in denen offensichtlich an alten Zöpfen festgehalten wird. Interessant ist, daß es nicht, wie man vermuten müßte, die "Alten" sind, die daran festhalten, sondern ausgerechnet jene, denen auf weite Strecken der Respekt vor dem anderen grundsätzlich verloren gegangen ist, heben das Sie auf den Podest!

Vor dem Bewohner ist das Sie zu verwenden, im Dienstzimmer sind ganz andere Ausdrücke zu hören. Die Anwendung des Du soll respektlos sein? Wenn das mal stimmt! Das Sie hat etwas mit Distanz und Aufrechterhaltung von Distanz zu tun, das Du signalisiert eine persönlichen Beziehung, die Nähe bedeutet.

Hier wird so viel von Empathie gesprochen. Auch wenn es modern ist und für viele Deutsche als chic gilt, mit Fremdworten um sich zu werfen - heißt Empathie nicht Einfühlungsvermögen? Nun will mir doch niemand erzählen, daß eine distanzierte Haltung etwas mit Einfühlungsvermögen zu tun hat. Gegensätzlicher können die Werte doch wohl nicht sein!

Mit dem Sie soll doch gerade die Einfühlung, die Nähe vermieden werden. Nur nichts an sich heran kommen lassen. Distanz wahren, ist die Aussage! Widersprüchlicher kann unsere Haltung wohl kaum sein.

Thanos schreibt:
Wenn ein Patienten geduzt wird, besteht die Gefahr entweder den Patienten eine Kommunikationesebene tiefer zu stellen, sich selbst eine Kommunikationsebene höher zu stellen
Ich denke, nicht das Du bedingt unterschiedliche Kommunikationsebenen, sondern die grundsätzliche Haltung dem Mitmenschen gegenüber. Ich kenne den respektlosen Umgang von Pflegekräften mit Bewohnern in deren Abwesenheit zur Genüge. Das Sie ist hier gewiß keine Hemmschwelle! Diese Respektlosigkeit ist ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft, das nicht durch Sie oder Du aus der Welt geschafft wird!

Ein weiteres gilt es zu bedenken, da hier speziell die Frage der Anrede bei demenziell veränderten Bewohnern angesprochen wird. Unverständnis und Mißverständnisse gründen meist darauf, daß der Gegenüber nicht dort abgeholt wird, wo er steht. Es ist unbestritten, daß beim Verlust von Fähigkeiten zuerst die Fähigkeiten verloren gehen, die zum Schluß erworben wurden. Der Bewohner also mit den "alten" Fähigkeiten länger zurecht kommt. Das sind in aller Regel jene, die er als Kind erworben hat.

Wird nicht immer wieder von biographieorientierter Arbeit gesprochen? Warum versagt diese hier? Warum holen wir nicht die Bewohner da ab, wo sie sich gerade befinden? Und wenn das in der Kindheit ist, dann eben da! Ist es zu einem späteren Zeitpunkt seines Lebens, dann eben da! Das hat nichts damit zu tun, sich über den anderen zu stellen. Daß in einer Zeit, in der Belehrung out ist, gerade diese Form der Kommunikation unerwünscht ist, ist nachvollziehbar.

Aber das Problem haben die Jungen, nicht die Alten. Aufmüpfigkeit und Besserwisserei ist das Problem der heutigen Generation. Auch die Respektlosigkeit.

Wird nicht behauptet, Kinder wären nur kleine Erwachsene? Wie passt das zu der Auffassung von Respektlosigkeit, wenn jene, die in ihren Verhaltens- und Denkmustern wieder in die Kindlichkeit zurückfallen? Sollen Kinder etwa nicht mit Respekt behandelt werden? Und doch kommt niemand auf die Idee, kleine Kinder mit Sie anzureden. Ich denke, wir sollten unsere überzeichneten Einstellungen noch einmal überdenken. Vielleicht hilft das gerade dementiell Erkrankten, sich besser in ihrer Umwelt zurecht zu finden.

Das sind einige Gedanken, die mir bei genauerer Betrachtung der hier gemachten Äußerungen so durch den Kopf gehen.



Dodger
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Dodger » Di 27. Mär 2007, 10:57

Ich denke, nicht das Du bedingt unterschiedliche Kommunikationsebenen, sondern die grundsätzliche Haltung dem Mitmenschen gegenüber.
Hallo Johannes

Ich muss dir da leider wiedersprechen, weil ich denke nicht, das wenn man jemanden duzt demjenigen Respektlos gegenüber steht. Oder stehst du jedem den du duzt Respektlos gegenüber?

und wie ich schon anmerkte, Respekt kommt nicht über die Anrede, Respekt muss sich verdient werden, wenn ich jemanden für nicht Respektvoll halte, dann hat er keinen Respekt von mir zu erwarten, ob ich ihn sieze oder duze spielt dabei keine Rolle.

Wird nicht immer wieder von biographieorientierter Arbeit gesprochen? Warum versagt diese hier? Warum holen wir nicht die Bewohner da ab, wo sie sich gerade befinden? Und wenn das in der Kindheit ist, dann eben da! Ist es zu einem späteren Zeitpunkt seines Lebens, dann eben da!
Na deswegen ja die Diskusison ob man duzen darf oder nicht.
Ich würde ja mal behaupten in der Kindheit wurde auch keiner der heutigen Bewohner gesiezt, und wenn wir ihn da abholen wollen, wo er grade ist, dann also doch duzen?

Ich denke das ist wie mit allem, man muss halt indieviduell schauen was für den jeweiligen Bewohner am meisten sinn macht.


Gruss

Dodger



Thanos

Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Thanos » Di 27. Mär 2007, 12:05

Hallo johannes.

Die Gesellschaft befindet sich in einem statigen Wandel, das ist richtig, ein großer Punkt dabei sit das Internet, auch hier sind alle irgendwie Vertraute und verwenden das "Du". Davon mal abgesehen, befindet sich nicht nur die Gesellschaft im Wandeln, auch die Wissenschaft und die Forschung kommt voran.
Es ist nun mal so, dass große Leute nachgedacht haben und den Grund die Probleme in den Pflegeeinrichtungen entdeckt haben.Es ist eben jene Respektlosigkeit welche von dir angesprochen wurde, welche auf einer besondren inneren Einstellung zu mir selbst und meiner Umwelt beruht. Wenn ich meinen Gegenüber die Einstellung entgegenbringe er sei weniger Wert als ich, dann kann es zu solchen Problemen führen, die du angesprochen hast.
Wenn ich ihm aber die Einstellung entgegenbringe, er sei stehe nicht auf meiner intelektuellen Ebene, im Vergleich zu mir sei er ein Kind, werde ich ihn irgendwann auch wie ein Kind behandeln, ich werde erzieherische Maßnahmen ergreifen, und ich werde enttäuschung empfinden wenn es nicht so geht wie ich es mir vorstelle. Schlußendlich macht ich meinen GEgenüber und mich auf diese Art seelisch kaputt.
Wenn ich den Patienten duze, besteht halt die Gefahr, in eben jene Respektlosigkeit zu rutschen, die du erwähnt hast, und um das zu vermeiden, insbesondere dies bei jüngeren Pfelgenden zu vermeiden, sollte man halt die Patienten siezen.
Wenn eine Pflegekraft so profesionell ist, dass sie den Patienten in einem gleichmäßig hohem maße versorgt, spielt es in der Tat keine Rolle, ob man Du oder Sie sagt, aber wer kann das schon?

Und Du hast Recht, wenn Du sagt, man sollte den Patienten da abholen wo er ist, doch sollte man ihn fördern, und nicht weiter zurückwerfen. Du sagst es selbst, dass es vor nicht all zu langer Zeit nicht üblich war, einfach so Leute zu Duzen. Warum sollte man das nun mit Leuten machen, die eben so erzogen wurden. Und Demente Leuten wissen am Anfang genau, wer sie sind, und sie wissen auch, dass sie Erwchsene Leute sind.

Vielleicht werde ich eines Tages von den Pflegekräften geduzt, wenn ich dement bin, und dann ohne Diskussion,weil die Pflegenden wissen, in meiner Jungend und Erwachsenen Zeit war dies üblich. Aber heute sollten wir Pflegenden wissen, dass es zu Zeiten der heutigen Dementen unüblich war, und sollten darauf achten, sie mit den ihnen gewohnten Regeln entgegen zu treten, und dazu gehört das SIE.



andrea
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von andrea » Di 27. Mär 2007, 12:10

[quote=""Dodger""]
Ich denke das ist wie mit allem, man muss halt indieviduell schauen was für den jeweiligen Bewohner am meisten sinn macht.
[/quote]
Ja genau das denke ich auch.

Hallo Johannes,
du hast Recht in der heutigen Zeit wird schnell geduzt, niemand stört sich daran.
Nur wie du schon richtig erwähnt hast, unser Klientel war mit dem duzen nicht so flott.
Ich habe mit einigen alten Menschen über das Duzen gesprochen(War ein Teil von Schularbeit). Sehr viele waren der Meinung dass der Ältere dem Jüngeren das du anbietet, dass man längst nicht jeden Duzen will. Diese Generation lebt diese Erziehung. Wobei Bauern Arbeiter(das sogenannte "einfache Volk" )auch mit dem Duzen besser zurecht kommt und das bereitwillig anbietet.
Ich glaube für einen großen Teil unseres Klientels bedeutet das "Sie" Distanz u. Respekt erhalten.
Gerade bei unserem jetzigen Klientel würde es so mancher als ungeheuerlich ansehen, so einfach geduzt zu werden.
Auch dementiell Erkrankte stehen nicht pauschal(bisher sind mir wenige begegnet die mit dem Sie nicht zurecht kamen) in der jüngsten Kindheit, wo duzen zwingend angebracht ist - warum sonst reagieren sie auf das "Sie" wo sie doch, sonst sehr offen ihrem Mißmut Luft machen können??
Deshalb, vom Grundgedanken her sollte ich ersteinmal jeden Siezen und dann individuell entscheiden ob es nicht reicht wenn jemand mit Vornamen oder Mädchennamen angesprochen wird und weiterhin gesiezt wird.
Einfühlen kann ich mich mit"Sie" oder "Du", die nötige Distanz sollte ich immer wahren auch wenn du den Gedanken, dass Empathie und Distanz nicht zusammenpassen durchgespielt hast.
Ohne die wirklich nötige Distanz würde ich als professionelle Kraft fühlen müssen wie ein Angehöriger, das bei mehreren BW, ich glaube nicht, dass ich das lange aushalten würde. (Zuhause kann ich schließlich auch mal vor Wut platzen gg)
Grüßli andrea



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johannes
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von johannes » Di 27. Mär 2007, 18:06

Zunächst einmal: ich habe meine Meinung, die ich in meinem Beitrag vom 4.4.2005 geäußert habe, nicht geändert.

Nun zu den Stellungnahmen:

dodger schrieb:
Ich muss dir da leider wiedersprechen, weil ich denke nicht, das wenn man jemanden duzt demjenigen Respektlos gegenüber steht. Oder stehst du jedem den du duzt Respektlos gegenüber?
Meine Ausführung bezog sich auf die Aussage von Thanos, die ich zitierte. Seine Aussage signalisierte eine Abwertung des Gegenüber in zweierlei möglicher Hinsicht - a) den Gegenüber niedriger zu stellen und b) sich selbst höher zu stellen.

Ich leite vom Du keine Respektlosigkeit ab, sondern eine grundsätzliche Haltung - Nähe oder Distanz. Darin liegt allerdings noch keine Wertung!

Andererseits bin ich im Gegensatz von Dodger der Auffassung, daß ein Mensch sich Respekt nicht verdienen muß. Es ist eine christliche Grundhaltung, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen - selbst einem feindlich gesinnten. Das unterscheidet Christen eben von Nichtchristen. Dies wird in kurzen Worten von Jesus damit ausgedrückt, daß ein Christ selbst seine Feinde lieben soll und denen Gutes tun, die ihm Böses wollen. Eine Verhaltensweise, die nicht von allen Menschen geteilt wird.

Wenn ich also einen Mitmenschen mit Sie anrede, geschieht dies aus der deutschen Tradition. Das hat nichts mit Respekt oder einer besonderen Ethik zu tun. Das Sie signalisiert immer die Distanzierung vom Anderen.
Mit dem Du hingegen lasse ich Nähe zu. In der Praxis gibt es jedoch auch beim Du Abstufungen. Das Du unter leiblichen Geschwistern ist anders zu bewerten als das Du bei Freunden. Das Du in der Glaubensgemeinschaft hat ebenfalls einen anderen Stellenwert, wie auch das Du am Tresen in der Kneipe.

Wenn auch die verschiedenen Nuancen unserer Sprache für einen Außenstehenden nicht immer offensichtlich sind, sind sie dennoch vorhanden. Wir als Pflegende tun gut daran, diese Unterschiede zu beachten.

Zu Thanos:

Ob Forschung und Wissenschaft vorankommen, bleibt dahin gestellt. Oft genug werden nur altbekannte Prinzipien wiederentdeckt und als neu verkauft. Die Respektlosigkeit hat für mich ihre Ursache in der Loslösung des Menschen von Gott. Alles, was mit Ordnung zu tun hat, wird vom Tisch gefegt. Während Jesus die Christen aufforderte: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" wurde durch die Loslösung des Menschen von Gott daraus: "Zuerst komme ich!" Mit zunehmender Entfernung von den christlichen Grundlagen wird diese Haltung immer extremer.

Daß die Erkenntnis, ein solches Verhalten sei nicht richtig, nicht ausreichend ist, dieses Verhalten nachhaltig zu verändern, hat uns der Kommunismus gezeigt. Auch er war ja ausgerichtet auf die Verwirklichung des Paradieses. Der Mensch ist nun mal nicht in der Lage, trotz Erkenntnis, sein Wesen zu verleugnen.

Ist es nicht interessant, daß die Aufforderung Jesu nicht heißt, den Anderen über sich selbst zu stellen, sondern gleichwertig neben sich? Liegen die Probleme vielleicht daran, daß wir nicht in der Lage sind, uns selbst wirklich zu lieben - und darum auch nicht den Anderen?

Den zu Pflegenden dort abholen, wo er steht bedeutet eben nicht, generell zu duzen oder zu siezen, sondern auf die jeweilige Situation einzugehen. Dazu gehört gewiss Kreativität. Ich denke, die Altenpflege ist einer der kreativsten Berufe - wenn sie bewußt gelebt wird. Sie kann aber auch öde, stressig und menschenunwürdig werden, wenn sie mit Fließbandarbeit verwechselt wird.

zu andrea:

Ich denke, daß wirklich viele der alten Generation, die ihre Umwelt noch bewußt wahrnehmen, nicht darüber erfreut sind, wenn von jüngeren ohne Einwilligung zum Du übergegangen wird. Sie sind noch von der Tradition geprägt und empfinden das Sie als Anerkennung und Respekt. Ich sehe aber auch, daß sie entsprechend der Tradition sich berechtigt fühlen, Pflegekräfte zu duzen, da dies früher eben auch so üblich war. Hier sollten Pflegekräfte sensibel reagieren und nicht die falschen Schlüsse ziehen.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, daß die nötige Distanz mit dem Du verloren geht, und eine familiäre Atmosphäre geschaffen würde. Wie ich oben schon ausführte, gibt es auch beim Du unterschiedliche Abstufungen, die eine gewisse Nähe erlauben, aber nicht zur Vereinnahmung führen müssen. Auch bei einem Du ist es möglich, dem Gegenüber Grenzen zu setzen, die nicht überschritten werden sollten. Vor allem die familiär-emotionale Ebene spielt nicht in eine Beziehung zu einem Pflegebedürftigen.

Entscheidend bei allem sollte jedoch immer die Ehrlichkeit in der Ausdrucksweise sein, da dies auch vom Gegenüber wahrgenommen wird. Es kann sein, daß gerade dementiell Erkrankte ein feines Empfinden entwickeln, das dann mit pflegeentscheidend wirken kann.

Johannes



andrea
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von andrea » Di 27. Mär 2007, 21:31

Hi Elke
mit dem von dir ausgesuchten Zitat meinte ich aber auch ganz deutlich dass ich meine Distanz auch bei einem Du wahren könnte, ich wollte nur klar stellen dass wir ohne Distanz wahrscheinlich nicht lange professionell durchhalten würden. Wobei es zumindest dabei völlig egal ist ob Du oder Sie, Distanz sollte jede professionelle Pflegekraft wahren schon allein um sich selbst zu schützen.
LG andrea



waldelbe70
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von waldelbe70 » Di 27. Mär 2007, 22:09

Hallo,

bei uns möchten einige Bewohner geduzt werden, andere wieder nicht. Für viele ist das "Du" innerhalb unseres Wohnbereiches persönlicher und familiärer, weil sie auch mitbekommen, dass wir Pflegekräfte alle per Du sind.

Viele Demente fühlen sich mit dem "Du" eher angesprochen als mit dem "Sie".

Kommt auf den Einzelnen an.

LG die Waldelbe



Thanos

Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Thanos » Mi 28. Mär 2007, 11:11

Hallo Johannes.

Ich war vor kurzem im Musical, ein paar Textzeilen daraus
„[…]Gott ist tot nach ihm wird nicht mehr gesucht[...]“
„[…]viele glauben an Kunst und Wissenschaft […] an Götter verschiedenster Art […] doch die wahre Macht die uns regiert ist die schreckliche, unendliche, verzehrende, zerstörende, und ewig unstillbare Gier. […]“
„[…]bevor das nächste Jahrtausend beginnt ist der einzige Gott dem jeder dient die unstillbare Gier.“

Das deckt sich so in etwa mit dem was Du sagt, ob die momentane Situation sich daraus ableiten lässt/ ob der Menschheit die göttliche Führung fehlt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Was ich jedoch glaube ist, dass einigen Menschen in der Tat nicht in der Lage sind sich selbst zu lieben, bzw. ehrliche Zuneigung anderen entgegen zu bringen. Eine Pflegekraft sollte innerlich gefestigt sein um gut pflegen zu können, und einige sind es eben nicht (ohne hierbei Ursachenforschung treiben zu wollen).
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Ich bin der Meinung, und das habe ich auch oft genug erlebt, wenn man dem Patienten eine wohl durchdachte Pflege zukommen lässt, dann ist es unwichtig ob der Patient mit Du oder Sie angesprochen wird, und ich kann somit beim Sie verbleiben, das geht mit dem konform was ich gelernt habe, und auch mit den allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen.
Auch habe ich bereits mehr als einmal erlebt, dass demente Patienten geduzt worden, ohne dass die Pflegekraft überlegt und strukturiert vorging, die Folgen auf den gesamten Pflegeprozess waren katastrophal. Wenn die Leute nicht fähig sind, ihr Handeln dem Pflegeprozess anzugleichen, dann sollten sie es lassen. Ich finde es schade, dass einige wenigen die Arbeit anderer auf diese Art und Weise kaputt machen. Und um halt nicht dieses Risiko nicht einzugehen, bleibe ich auf meine unkreative Weise kreativ.
Jeder Einzelne muss selber wissen was er tut, und sein Handeln verantworten.

Insbesondere Altenpfleger sollten ja nun die ganzen Kommunikationstheorien kennen, und da wird doch in fast allen von den Gefahren des Duzen gesprochen, für Pflegende und zu Pflegende.
Was ich gerne wissen würde, warum werden die unwesentlichen Vorteile den Gefahren vorgezogen? Warum gehen einige Pflegende bewusst das Risiko der Gefahren ein? Ich habe festgestellt, dass einige sich davon eine Arbeitserleichterung erhoffen, siehe Beispiel des Themenstartes. Einige meinen es würde eine gewisse Vertrautheit mit sich bringe, dieses „Du“; wenn ich schlecht arbeite kann das Du doch die Situation nicht verbessern, sondern gaukelt nur etwas vor was nicht ist; und wenn meine Arbeit gut ist, ist es doch egal ob ich Du oder Sie sage.

Mich interessiert ernsthaft und unabhängig davon ob es „erlaubt“ ist oder nicht, welche realen Vorteil der demente Patient hat, wenn er von mir geduzt wird.

Meine eigenen Erfahrungen beziehen sich immer auf ein Krankenhaus, und nicht auf Langzeitpflegeeinrichtungen.



DanielaK.
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von DanielaK. » Di 10. Apr 2007, 14:44

Hallo zusammen,

endlich habe ich es mal geschafft über die Beiträge hier zu fliegen,
die Meinungen gehen teilw. ja sehr auseinander, meine Meinung dazu:
Individuelle Arbeit
ich bin nicht dafür dass unsere BW geduzt werden, schon allein weil sie Respektspersonen sind. Jedoch muß ich auch zu geben dass ich eine BWin (mittlerweile auf der DementenStation) immer duze da sie nur darauf wirklich reagiert, aber auch da ist das von den Angehörigen bejat worden, und mit der BWin hat das dann auch alles sehr gut geklappt, ansonsten werden bei uns die BW gesiezt.
Ich erinnere auch immer wieder eine Helferin bei mir auf Station daran dass sie die BW nicht mit Du ansprechen soll.

Also wie gesagt, ich versuche da sehr Individuell zu arbeiten, aber im großen und ganzen würd ich sagen Nein.

Liebes Grüßle Daniela



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erna
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von erna » Di 10. Apr 2007, 18:45

Ich habe mit Ja gestimmt.

Bei uns im Haus wird sehr viel gedutzt und die Bew. mit Vornamen angesprochen die Gründ dafür sind aber das diese Bew. aus den umligenden Dörfern stammen wo es innerhalb dieser Gemeinschaften üblich ist das jung und alt sich mit Vornamen ansprechen.
Bei Bew. wo dies zutrift wird es extra in der Pflegeplanung aufgenommen.
In meiner Bezugsgruppe habe ich alle varianter z.B.:
- Frau Vornamen Verheiratete Geborene aus Gebutsort (nur dann reagirt sie)
- Tante XYZ (diese Dame hatte nie eigene Kinder kümmerte sich aber um alle anderen in Familie und Nachbarschaft)
- Oma ABC (hat Enkel großgezogen da Kinder früh verstarben)
- Vornamen
Habe einen Oberstudienrat der es nie gewohnt war geduzt zu werden und er wird es auch nicht.
Ich habe einen Herren in meiner Gruppe an denn man nur herankommt wenn man ihn beim Nachnamen anspricht und Dutzt.

Ich persönlich weiß das das Thema sehr umstritten ist denke aber nur wenn der Bew. sich wohl und angenommen fühlt kann es ihm gut gehen.

Noch eine Anmerkung bei Übergaben sprechen wir immer in Sieform und dem Nachnamen.



Apfelsinchen
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Apfelsinchen » Sa 14. Apr 2007, 21:13

Hallöle!
Ich habe für "ja" gestimmt! ;)
Dass hießt aber nicht, dass ich jeden Dementen so ohne weiteres Duzen würde.
Es kommt für mich immer auf die Situation und den Bew. an.
Merke ich, dass ich mit dem Duzen viel besser an ihn ran komme, dann tue ich dieses auch! :smile
Wie schon erwähnt: Demente geh`n in ihre Kindheit zurück und wurden als Kinder ja auch nicht gesiezt.
Damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich betrachte meine dementen Bew. nicht wie Kinder. Sie sind erwachsene Menschen, mit sehr viel Lebenserfahrung und diese weiß ich auch zu würdigen. :D
Grundsätzlich sieze ich alle Bewohner!
LG, Apfelsinchen!


„In einer Fünftelsekunde kannst du eine
Botschaft rund
um die Welt senden. Aber es kann Jahre
dauern, bis sie
von der Außenseite eines Menschenschädels
nach innen
dringt.“ :D

(Charles Kettering)

Katharina
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AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Katharina » Di 17. Apr 2007, 13:05

So, da melde ich mich auch mal zu wort.

Ich bin auch auf einem Bereich tätig, wo es "3 Bauteile" gibt. Auf 2 davon leben "nicht demente, aber Pflegebedürftige Senioren" und auf dem anderen leben Demenzerkrankte Senioren.

Kurz zu den "nicht dementen": es gibt dort aktuell 2 Bewohnerinnen die von den Meisten Mitarbeitern geduzt werden und mit Vornamen angesprochen werden. Dies ist von den Bewohnerinnen so erwünscht.

Bei 2 weiteren (leider verstorbenen) war das ebenfalls der Fall.

Nicht sofort am 1. Tag, aber wenn das Klima zwischen BW und PP gepasst hat, kam direkt die bitte seitens der Bewohner rüber, sie beim Vornamen und mit "Du" anzusprechen. Schliesslich nennen sie uns auch beim Vornamen und nicht "Frau xcyz" oder "Schwester".

Zu den Demenziell erkrankten: Es ist bei uns mit den Angehörigen bzw. Betreuern abgesprochen, dass die Bewohner mit Vornamen und "Du" angesprochen werden. Es ist soweit ich weiss auch ausprobiert worden: wie reagiert der Bewohner, wenn ich ihn beim Vorname, aber mit "sie" anspreche? das hatte wohl nicht den erfolg wie Vorname + "Du".

Manche reagieren auch noch auf ihren (Angeheirateten) Nachnamen. Andere hingegen garnicht mehr. Da kann man noch so oft "Frau Sommer" rufen, da kommt nix.

Dennoch denke ich aber, dass man da schon nach dem Einzelfall entscheiden sollte ob ein "Du" oder ein "Sie" genannt wird.


Was uns befreit, das muss stärker sein als wir es sind! :smile

Jacky Superior
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Registriert: Fr 20. Apr 2007, 16:18

AW: Menschen mit Demenz - Duzen?

Beitrag von Jacky Superior » Fr 20. Apr 2007, 16:50

Hallo ihr.
Ja ich für mich versuche auf der"Sie" ebene zu bleiben egal ob ich die Erlaubnis von Angehörigen hab. Sicher rutscht es mir auch ab und an raus. Ich finde, dass manche Vehalten eines Bewohners eh schnell als"süß, niedlich" verallgemeinert werden.Im wahren Leben würden sie sich sicher nicht so Verhalten wollen. Das DU, schiebt die Situation noch mehr in die Baby schiene. Ok bei Bewohnern die darauf besser reagieren z.B.in Pflegerischen Tätigkeiten kann man es wenn es nicht anders geht mal sagen aber in der Regel sollte man den Respekt gegenüber des "Menschen" stets wahren.
Alles liebe und gut: Jacky



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