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Jutti
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Beitrag von Jutti » Mo 30. Aug 2004, 20:43

Hallo Gast

das Problem kommt mir irgendwie bekannt vor. Meine Mutter hatte im vorigen Jahre einen TIA, zurückgeblieben sind nur Sprachprobleme, wenn sie aufgeregt ist. Aber ich kenne sehr genau den Zwiespalt, Tochter und AP zu sein. einen Bewohner hätte ich einfach mit Lalülala eingewiesen und fertig ist. meine Mom wollte aber mit Händen und Füßen nicht ins KH und ich hab ne ganze Weile gebraucht, bis ich sie trotzdem da hatte, weil ich auch Tochter bin und "zu gehorchen " gelernt hab, was Mama halt so will, auch wenn ich es besser wußte.
Ich weiß nicht, was für Ressourcen und Einschränkungen deine Oma hat, vielleicht könnt ihr versuchen, sie mehr machen zu lassen, sie zu fordern, ihr dadurch bewußt zu machen, sie kann was.
Je nachdem, was für ein Mensch sie ist, vielleicht fehlt ihr möglicherweise das Gefühl gebraucht zu werden?
Ist sehr schwer, bei einem völlig fremden Menschen nun zu erahnen, was los sein könnte. Aber vielleicht hilft es dir schon etwas, das Andere auch so ein Problem schon mal hatten.
Viel Glück und viele Grüße
Jutti



Dirk Höffken
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Registriert: Mi 18. Jun 2003, 20:00

Lebenskrisen

Beitrag von Dirk Höffken » Di 31. Aug 2004, 20:56

Hallo Gast.

Mein Beitrag ist bewusst allgemein gehalten. Die Kernaussagen müssten aber erkennbar sein.

Deine Oma hat einen Schlaganfall erlitten und ist nun schon mehr als ein halbes Jahr niedergeschlagen. Was spricht dagegen? Aus welchem Grund stürzen sich nun alle auf sie, um sie wieder zu ihrem alten Leben zu zwingen? Dieses Leben ist vorbei!!! Das weiß deine Oma! Für sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ein Lebensabschnitt in dem sie auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist. Damit muss sie sich erst mal abfinden. Wer sagt das dieser Abschied nur 3, 6 oder 9 Monate dauern darf?

Ganz normale und übliche Verhaltensweisen werden in der heutigen Zeit zur Krankheit hochstilisiert. Kummer und Niedergeschlagenheit gehören zum menschlichen Leben wie Durst, Hunger und Müdigkeit. Nennen es die Fachleute jedoch Depression, wird es zur Krankheit. Zur Krankheit die mit Tabletten behandelt werden kann. Man schafft auf diese Weise unzählige Kranke. Der einzelne Mensch glaubt sogar er sei Krank. Verstärkt wird die Illusion vom jugendlichen, dynamischen und immer fröhlichen (älteren) Menschen zudem noch durch die Werbung. Menschliches Leid ist eben kein Verkaufsschlager.

Nein, ich stelle nicht die Diagnose Depression in Frage, aber den inflationären Umgang mit ihr. Genauso trauen wir uns zu, anderen in Ehe-, Partner- Berufs- oder sonstigen Schwierigkeiten kluge Ratschläge zu erteilen. Wir entmündigen andere Menschen statt zur Wiederherstellung der eigenen Persönlichkeitswerte beizutragen. Mit welchem Recht? Jeder Mensch wird mit Schwierigkeiten auf seine Art und Weise fertig. Lassen wir ihn seinen Weg finden!!!

Die Auseinandersetzung mit Lebenskrisen ist für jeden Menschen etwas Einzigartiges. So wie die individuelle Situation, in der jemand steckt, jeweils unterschiedlich ist, so sind es auch die Möglichkeiten, die diesem Menschen zugänglich sind. Schon aus diesem Grund kann eine allgemeingültige Empfehlung dem Einzelnen nicht gerecht werden.

Bei an Demenz erkrankten Menschen reden wir Pflegekräfte von Validation. Jemanden zu validieren bedeutet, seine Emotionen anzuerkennen, ihm zu sagen, dass seine Emotionen wahr sind. Wir akzeptieren die innere Erlebniswelt des Demenzkranken. Aus welchem Grunde akzeptieren wir nicht die Welt des Menschen nach einem Schlaganfall? Oder auch die Welt des Menschen in bzw. nach anderen Lebenskrisen? Meine Kritik an diesen starren Konzepten habe ich bereits in einem anderen Forenbeitrag zum Ausdruck gebracht.

Hilfe bedeutet also zuallererst, die Sichtweise und Gefühle des Verzweifelten ernst zu nehmen. Für ihn ist die Situation schlimm!!! Vielleicht sogar aussichtslos!!! Hilfe bedeutet, Beziehung anzubieten, sie aber nicht aufzuzwingen. Hilfe bedeutet, die Ambivalenz des Verzweifelten zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit mitzudenken und auszuhalten. Hilfe ist möglich - und dennoch kann nicht allen Menschen geholfen werden. Schon aus egoistischen Motiven heraus. Auch die Helfer sollten ihre Grenzen nicht überschreiten!

Und wenn ein Mensch eine Entscheidung gefällt hat müssen wir diese Entscheidung akzeptieren. Denn dieser Mensch muss mit der Entscheidung leben. Nur er! Nicht wir mit unseren gutgemeinten Ratschlägen und unseren Hilfsangeboten! Das vergessen wir nur zu oft. Es gibt viele wichtige Momente im Leben. Und wenn man die richtige Entscheidung und den richtigen Moment gewählt hat, um etwas zu tun oder zu sagen, dann spürt man es sofort. Alle Spannung löst sich. Alles ergibt einen Sinn. Man kann ganz leise sagen: "Danke, das war's. Ich weiß, was ich zu tun habe, ich kann jetzt gehen, ich kann jetzt loslassen." Dann muss man diesen Menschen auch seinen Weg gehen lassen. Und fällt es noch so schwer.

MfG DH

Zitat:
"Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden." - André Gide franz. Schriftsteller (1869-1951)



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