Heim Bewohner ihre Gefühle am Anfang?

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Triexi
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Heim Bewohner ihre Gefühle am Anfang?

Beitrag von Triexi » Mi 7. Mai 2003, 10:53

Hallo Leute,

Ich möchte mal wissen wie habt ihr die Bewohner erlebt wenn sie ins Heim gekommen sind, waren sie Glücklich das sie eine 24 Stunden Betreuung hatten oder wahren sie eher traurig weil sie ihr Geliebtes Umfeld verlassen mussten?

Es gibt Bewohner die sagen ich gehe lieber ins Heim wo ich gut versorgt bin.

Mich würde es mal Interessieren was ihr dazu sagt denn es gibt verschiedene Meinungen was das an geht.

LG
Triexi :wave :wave :wave :wave :wave :wave



Jutti
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Beitrag von Jutti » Mi 7. Mai 2003, 21:30

Hallo Triexi
........und ob es da viele verschiedene Meinungen und Situationen zu gibt.................
vielleicht magst du mal folgenden Gedankengang von mir lesen??????????

Heimeinzug oder……..ich verliere mein Zuhause………….
Zunächst möchte ich näher darauf eingehen, was sich wohl vermutlich im Kopf eines Menschen abspielt, der sich der Konsequenz Heimeinzug gegenübersieht und wie er zu diesen Überlegungen kommt. Ob nun mehr oder weniger freiwillig sei dahin gestellt…………………

Vordergründig steht für mich das Wort: VERLUSTE
Beginnen wird das Gefühl des Verlustes bereits mit dem Eintritt des Rentenalters, bedingt durch die Desozialisation (Rückzug alter Menschen aus dem Prozess gesellschaftlicher Verantwortung).
Zunächst mag es wünschenswert erscheinen, endlich in Rente gehen zu dürfen, nicht mehr zu arbeiten, endlich das zu tun, was man immer schon tun wollte…………aber, je weniger Aufgaben ein Mensch in der Gesellschaft erfüllt, desto unwichtiger erscheint er ihr (der Gesellschaft). Es wird sehr schnell ein Gefühl von „ich werde nicht mehr gebraucht“ einsetzen, das sicherlich durch verschiedentliche Aktivitäten kompensiert werden könnte.
Der ältere Mensch hat plötzlich viel zu viel Zeit. Sein bisheriges ganzes Leben war im Tagesablauf durchstrukturiert, sei es als Kind mit dem Schulalltag sowie später mit dem Arbeitsleben, Freizeit, Familie.
Soziologisch besehen gibt es dafür sogar Theorien, wie die einzelnen Menschen mit diesem Einschnitt in ihr Leben umgehen:
Disengagementtheorie:
Die Vertreter dieser Theorie gehen davon aus, dass es im Alter zu einem allgemeinen Rückzug aus den Rollenverpflichtungen kommt.
Aktivitätstheorie:
Diese Theorie geht von der gegenteiligen Annahme aus. Der Mensch sei besonders zufrieden, wenn er möglichst lange in seinen sozialen Rollen verbleiben kann und auch im Alter noch neue Rollen wahrnehmen kann.
Kompetenztheorie:
Diese Theorie hat die Kontinuitätstheorie weiterentwickelt. Beide Ansätze beziehen sich nicht auf Defizite sondern auf vorhandene Lebenserfahrungen und Fähigkeiten (Ressourcen) Kompetenzen hat man sein Leben lang erworben und sollte/würde sie auch kontinuierlich weiterverfolgen.
Stigmatisierung
Dieser Begriff meint, dass ein Mensch oder eine Menschengruppe durch ein Vorurteil, Klischee oder negatives Stereotyp gekennzeichnet und diskriminiert wird. Altern ist demnach nicht nur ein physiologischer Prozess sondern auch ein Prozess der Zuschreibung öffentlicher Merkmale
Etikettierung:
Unter Etikettierung ist die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften einer bestimmte Menschenklasse und/ oder Verhalten zu verstehen.

Ein kleines Beispiel, dass zum Nachdenken anregen soll möchte ich doch einfügen:
Wann waren Sie das letzte Mal im Supermarkt einkaufen und an den Kassen waren lange Schlangen? Stellen Sie sich folgende Situation vor und antworten Sie sich innerlich ehrlich.
An der rechten Kasse steht ein älteres Rentnerehepaar und räumt seine wenigen Teile auf das Laufband. An der linken Kasse steht eine junge Frau mit etwas größerer Einkaufsmenge.
Hand aufs Herz. An welche der beiden Kassen sind sie denn gegangen?
Vermutlich ist Ihnen der Gedankengang durch den Kopf gegangen: bis die nun fertig sind, ob die wohl ihr Geld in der Börse noch sehen können? Warum müssen Rentner immer dann einkaufen gehen, wenn die breite Masse Feierabend hat, die haben doch immer Zeit…………..
Klassische Argumente, die jeder von uns schon einmal gehört hat und genau dies ist Etikettierung. Wir schreiben jemandem Eigenschaften zu, obwohl wir nicht einmal wissen, ob der nette Rentner vielleicht Einzelhandelskaufmann war, Geschäftsinhaber usw und besonders pfiffig im Umgang mit seinen Einkäufen.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, der Mensch, der nun in den „wohlverdienten Ruhestand“ geht, kennt diese Argumente auch, er hat sie vor Jahren vielleicht auch im Supermarkt gedacht und fühlt sich nun in genau diese Ecke geschoben, wo er nie hinwollte. Unbrauchbar, unnütz. Er muss also plötzlich eine Rolle ausfüllen, die er weder mag, noch kennt er sie näher. Er erlebt eine Zeit des Umbruches und muss im Alter neues Verhalten erlernen, sich zu eigen machen.
Wenn er sich an diese Rolle dann langsam gewöhnt hat, steht möglicherweise wegen Verschlimmerung seiner mit dem Alter eingetretenen Mehrfacherkrankungen plötzlich ein Heimaufenthalt an.
Dieses Ereignis ist besonders einschneidend und bedeutet eine neue Art der Sozialisation.
Man stelle sich vor: dieser Mensch hat seit seiner abgeschlossenen Kindheit alleine oder mit seiner Familie gelebt. Er hat entschieden, wann er aufsteht, ob er sich zuerst wäscht oder erst frühstückt usw. er hat sein Leben strukturiert, im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben erfüllt.

Nun steht er einer Menge von Menschen gegenüber, die Erwartungen an ihn stellen, die er aber nicht kennt. Da seien die Mitbewohner erwähnt, die ihn neugierige anstarren, ihn ebenfalls sofort etikettieren, aha, der kann ja nicht mehr laufen, wieder so einer…………..
Die Heimordnung, der straff organisierte Tagesablauf und letztendlich Pflegekräfte, die nun seine Bezugspersonen sein sollen, bloß, es sind völlig fremde Menschen für ihn.
Dies ist eine Situation, die normalerweise einmalig ist im Leben eines Menschen. Er entwickelt sich von der kindlichen Unselbständigkeit zu Selbstbestimmung und lernt, Verantwortung zu übernehmen und nun soll er sich praktisch zurück entwickeln??
Er wird in seinem neuen Alttag ständig mit Ereignissen, Situationen und Forderungen belastet und nun bleibt ihm kaum die Wahl, möchte ich diese Situation lösen oder möchte ich ihr ausweichen? Früher hat er das selbst bestimmen können, nun nicht mehr.
Hinzu kommt, er ist an der Endstation seines Zuges angekommen. Er sitzt sozusagen im Wartezimmer des Todes und hat keine Möglichkeit, doch eher einen anderen Zug zu besteigen.
Durch genau diese Gedankengänge im Kopf eines neuen Heimbewohners mag sich nun Angst festsetzten oder eben ein gewisses Gewaltpotential frei werden.
Am ehesten trifft es dann wohl die Kontinuitätstheorie, lach, er wird so reagieren, wie er sein Leben lang mit Problemen umgegangen ist: er ist ihnen ausgewichen, er hat sie gelöst oder sie eben mit Gewalt beantwortet.
Dies soll Gewalt auf keinen Fall als tolerierbar darstellen, aber vielleicht ist es doch für den neuen Heimbewohner etwas leichter, wenn er einer Pflegekraft gegenüber steht, die seine Gedankengänge zwar nicht wirklich verstehen kann (weil eben nicht selber erlebt), aber empathisch auf sie reagiert. Vielleicht auch mit ihm genau über diese Probleme Gespräche führt, ihm die Möglichkeit gibt, sie in Worte zu kleiden. Ihm ein Gefühl vermittelt, sie werden ernst genommen.

viele Grüße von Jutti, die sich gerade im Augenblick, im ambulanten Praktikum befindet, sehr viele Gedanken darum macht. Was mag besser sein? Ich denke einfach, man kann das einfach nicht pauschalisieren. Ein Krankheitszustand ist einfach im Heim besser aufgehoben und ein Anderer viel besser Zuhause, in seinem gewohntem Umfeld, bei seiner Familie..........eben individuell.............



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Re Gefühle

Beitrag von doedl » So 11. Mai 2003, 12:48

Der Heimeinzug ist für viele alte Menschen ein einschneidendes Erlebnis.

Eines hat die Pflegeversicherung erreicht- alte Menschen bleiben viel länger zu Hause, als sie dies in früheren Jahrzehnten taten. Dementsprechend ist nun das Eintrittsalter ins Heim sehr hoch- regional vielleicht verschieden, aber doch schon über 80 Jahre.

Die Gründe für den Heimeinzug sind meist die, dass es zu Hause- aus welchen Gründen auch immer- nun doch nicht mehr geht. Es ist also in der Mehrheit der Fälle keine Alternative, sondern ein Muss geworden.

Die aktiven, mobilen Heimbewohner früherer Jahrzehnte gibt es nicht mehr- heute sind multimorbide Senioren im Heim, die vorher alle Möglichkeiten der ambulanten Versorgung ausgeschöpft haben und nur noch die stationäre Pflege bleibt.

Kommen dann noch Faktoren hinzu, dass Angehörige oder Betreuer ohne Einverständnis handeln..... leider ist das eben auch oft unumgänglich..... dann steht das Einleben im Heim unter einem schlechten Stern.

Ich habe Senioren erlebt, die innerhalb 6 Wochen starben; eigentlich nicht, weil sie so krank oder alt waren, sondern weil sie den von Jutta sehr gut beschriebenen Verlust nicht verkraften konnten. Meiner Erfahrung nach sind diese 6 Wochen eine Art magische Zahl.... ich kanns nicht mal "wissenschaftlich" begründen.

Je nach Persönlichkeitsstruktur rebellieren die alten Menschen gegen den Verlust, oder sie "finden sich drein", andere erleben das Heim durchaus positiv.

Wichtig erscheint mir, alles dafür zu tun, dass der Heimeinzug erleichtert wird- das beginnt schon bei der Zusage des Heimplatzes. Manche Heime "nehmen alle"......Hauptsache, die Plätze sind belegt. Die Frage ist aber schon, passt der angemeldete Senior ins Haus und kann man seinen Bedürfnissen gerecht werden. Grad im HInblick auf jüngere Pflegebedürftige, Suchtabhängige, Demente ist dies ein heißes Thema. Erstbesuch beim künftigen Bewohner, viele Gespräche nach dem Einzug, liebevolle Unterstützung durch alle Mitarbeiter, Gleichgesinnte im Haus suchen, die bestimmte Erfahrungen oder Interessen teilen etc etc. sollten selbstverständlich sein.

Viele Häuser haben schon ein Konzept, wie der Heimeinzug erleichtert werden kann und machen damit gute Erfahrungen.

Lieben Gruss

Doedl

http://www.temporaire.info


Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen- Mahatma Gandhi

Triexi
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Beitrag von Triexi » So 11. Mai 2003, 13:21

Hallo Doedl,

Ich habe mal vor langer Zeit eine Reportage im Fernsehen auf Vox gesehen wo es sich um Bewohner im Heim handelt, es war da eine Familie die Tochter hatte ihrem Vater im Heim geschickt weil sich die Kinder nur noch am rum ärgerten wer soll dem Vater versorgen und so mit sind beide zum Entschluss gekommen das es besser ist das der Vater ins Heim kommt.

Sie beschrieben beide denn ersten Tag das Tränen gelaufen sind und das e der Tochter leid tat dem Vater ins Heim zu bringen nun die Tochter war berufstätig was auch ein Grund mit wahr.

Eine schöne Sache fand ich auch noch das neben dem Heim ein Kindergarten war, die Kinder gehen jeden Winter ins Wohnheim zu einer Bewohnerin um dort Gesichten und Märchen zu hören, nach meines Erachtens war die Bewohnerin sehr Glücklich darüber Sie sagte noch jede wochen wenn die anderen Bewohner sich im Musikraum Musik anhören und nur still da sitzen da hätte sie diese Sache und sie möge Kinder über alles.

Jede wochen ließt sie denn Kindern 3 Stunden Geschichten vor und im Sommer hat sie dort eine Bank um die Kinder beim Spielen zu zuschauen.

Ich muss sagen beides ist gut auch wenn Menschen im gewissen alter nicht mehr alleine sein brauchen.

LG

Triexi



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