Heikles Thema

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Soleille
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Heikles Thema

Beitrag von Soleille » So 25. Sep 2005, 18:47

Ich wage es mal.

Eigentlich habe ich mich immer als eine einfühlsame und respektvolle Pflegerin erlebt und ja auch an den Reaktionen der Bewohner sehen können,daß ich ihnen gut tue.
Und das hat mich zufrieden gemacht.
Aber seit einigen Monaten geschieht etwas mit mir,das ich unbedingt ändern möchte.
Ich reagiere zunehmend aggressiv (innerlich und auch mit Worten) auf bestimmte Verhaltensweisen von drei Bewohnerinnen.
Ich sehe mir dabei zu und kann mich immer schwerer bremsen,obwohl ich es mir Tag für Tag vornehme.
Es sind die Schreie,das Stöhnen und die ständigen Wortwiederholungen,mit denen ich kaum noch angemessen umgehen kann.
Ich verwende sogar schon Ohrstöpsel,um es nicht hören zu müssen.
Eine Frau zum Beispiel hat irgendein Wort im Kopf und wiederholt es während der gesamten GP ohne Pause.
Obwohl ich weiß,daß sie es gar nicht kann,fordere ich sie ,immer barscher werdend,dazu auf,still zu sein.
Ich will das so nicht,aber ich werde von Minute zu Minute gereizter und erlebe dieses Gefühl so,als würde die BW es verursachen.
Mein Verstand hat alle Erklärungen für ihr Verhalten - aber dieses Wissen erreicht einfach mein Gefühl nicht.
Zum Glück habe ich mit den betreffenden BW nur am Wochenende zu tun.
Ich habe meine Kolleginnen schon gefragt,wie sie mit diesen Reizen umgehen : sie hören es gar nicht mehr,haben sich daran gewöhnt.
Wieso gelingt mir das nicht?
Im Gegenteil: ich reagiere immer genervter.
Bei einer BW,die alle drei bis vier Sekunden einen miauenden Schrei ausstößt,war ich soweit,daß ich aus dem Zimmer gehen mußte aus Furcht,sie zu schlagen.
Ich bin ziemlich verzweifelt,weil ich mich so auch gar nicht kenne.
Früher erhielt ich oft die Rückmeldung,daß ich gelassen und geduldig mit den "schwierigsten" BW umgehe und daß sie sich (als ich noch nachts arbeitete,)sicher bei mir fühlten - wo ist das hin?

Kennt diese übergroße Gereiztheit von Euch jemand ?
Wie geht ihr damit um?

Ich werde sicher nie einen hilflosen Menschen schlagen,aber daß ich auf solche Ideen komme,finde ich schon schlimm.
Derzeit bin ich dabei,zu versuchen,aus diesem Beruf endgültig auszusteigen.
Aber bis dahin kann es ja noch einige Zeit dauern.

Wie macht ihr es,daß euch dieses Schreien,Stöhnen,Dauerreden nicht belastet ?



andrea
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RE: Heikles Thema

Beitrag von andrea » So 25. Sep 2005, 19:14

Hallo Soleille,
für mich hört sich dein Problem an wie "Burn Out"
Hattest du schon Urlaub??
Kann es sein dass du dich bei der Pflege mit den BW selbst vergessen hast und dir nicht eingestehen konntest auch Grenzen zu haben??
Es ist völlig normal dass du durch anhaltenes Schreien ständiges Wiederholen belastet wirst. Wichtig ist, dass du dir eingestehst dass es so ist.
Habt Ihr innerhalb des Teams die Möglichkeit darüber zu reden und Wege zu finden mit diesem Problem umzugehen?? Ich denke du bist sicher nicht die Einzige der es so geht, auch wenn ein Teil der Kollegen angibt das gar nicht mehr zu hören.
Vielleicht besteht die Möglichkeit dass dir diese drei BW für eine Zeit lang abgenommen werden.
Gut ist schon mal dass dir das Problem bewusst geworden ist, nur gebe dir nicht die Schuld an deinen Gefühlen und tu auch was für dich.
Wir haben auch jemanden der fast ununterbrochen schreit, ich mußte auch schon mal aus dem Zimmer gehen um innerlich wieder ruhig zu werden. Manchmal liegt es auch an der eigenen psychischen Verfassung wie man was ertragen kann, vielleicht geht es dir selbst im Moment nicht so gut?!
Vielleicht würde dir auch ein Urlaub gut tun.
Lieben Gruß andrea


„Rechthaben ist erst eine Kunst; wenn auch die anderen glauben, dass mans hat!”

Soleille
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Beitrag von Soleille » So 25. Sep 2005, 20:11

Danke für deine freundliche Antwort,andrea

ich kann mir "burn-out" bei mir nicht vorstellen,denn ich arbeite schon nur halbtags und habe sehr angenehme Arbeitszeiten.
Allerdings habe ich schon immer Abgrenzungsprobleme und inzwischen habe ich die professionelle Distanz wohl verloren,weil ich diese Bewohnerinnen ja schon viele Jahre pflege und dadurch eine ungesunde Nähe entstehen konnte.
Ich kann schon wegen körperlicher Einschränkungen einige Bewohner nicht übernehmen und habe bisher nicht den Mut auch noch darum zu bitten,mich von den "Schreiern" zu entlasten.
Alles,was ich nicht mehr schaffe,müssen dann meine Kolleginnen mit tragen,die ja auch so schon stark gefordert sind - und leider nicht so gut über ihre Grenzen reden und für sich sorgen können wie ich.
Jetzt habe ich erst einmal 5 Tage frei und werde schauen,viele schöne Dinge zu unternehmen,um wieder einen besseren Kontakt zu meiner "freundlichen "Seite zu bekommen.
Und wieder was zum Geben zu haben.
Es müßte eine Art "Tankstelle" für alle Pflegenden geben,nicht wahr?

soleille



andrea
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Beitrag von andrea » So 25. Sep 2005, 20:49

:lol ja da hast du Recht, wär ja nicht schlecht wenn man ausgepowert ist mal eben auftanken und alles ist wieder okay.
Sicher hast du an dir auch beobachten können dass es Tage gibt an denen dir all das nichts auszumachen scheint ..........oder??
Ich kann hier nur für mich sprechen ich merke wenn ich selbst mit mir nicht im Reinen bin. (physisch oder psychisch)
Genieße deine freien Tage, schön dass du was für dich tun willst. Vielleicht fällt der der Arbeitsalltag dann auch schon wieder leichter.
lieben Gruß andrea


„Rechthaben ist erst eine Kunst; wenn auch die anderen glauben, dass mans hat!”

banowski
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RE: Heikles Thema

Beitrag von banowski » So 25. Sep 2005, 21:28

Hallo. das mit dem Burn out ist gar nicht so weit vorgeholt,denn die sich das am wenigsten vorstellen können haben am meisten damit zu tun.#
Du sagst dass du seit einiger Zeit damit spielst, den beruf zu verlassen, das kann zu Unkonzentriertheit führen, ich spreche aus Erfahrung, denn ich 3-fache Mutter aus der Arbeitslosigkeit in fulltimejob war irgendwann so ausgenutzt von meinen Kollegen mit Mobbing und so,dass ich aggressiv reagierte und irgendwann mein Körper mitten in der Schule streikte.
Wenn du selbst sagst, dass du aggressiv bist, wenn auch nur verbal, hinterfrage mal was dich aggresiv macht.
ich habe seit dem Burn out mir persönlich Prioritäten gesetzt und mir Auszeiten genommen,wenn ich der Meinung war, dass etwas mit mir passiert und seither geht es besser, ich kann wieder die Vögel im Baum hören und die Farben sind nicht so grau in grau.
Wenn ich dir was auf den Weg mitgeben kann, dann das Lass dich von deinen Kollegen von den Bewohnern ablösen und lenke dich ab, spazierengehen und tief durchatmen ist das Motto und "DU BIST EIN MENSCH DER NICHT PERFEKT IST UND OHNE FEHLER."
Wir Schüler lernen einerseits mit Stress umzugehen und andererseits werden wir ausgenutzt bis zum äußersten, da muss eine Menge passieren, auch in bezug auf Kommunikation.#
es gibt in meinem Leben noch einen guten Satz, der Mensch der auch bei seinen Fehlern noch über sich selbst lachen kann der ist gut.
"Also Kopf hoch und eine woche Pause von allem mal raus an die Luft und was verrücktes tun auch ohne sich vor anderen rechtfertigen zu müssen. "


bb.

Soleille
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Beitrag von Soleille » Mo 26. Sep 2005, 12:12

Danke für eure Antworten,
es tut mir schon gut,mich nicht mehr so mies zu fühlen,weil ich nicht das aushalten kann,was meine Kollegen anscheinend immer so einfach hinkriegen.

Ja, es macht mich eigentlich was anderes gereizt als die Bewohner.
Obwohl ich schon viele Jahre an diesem Arbeitsplatz bin,vermisse ich immer noch ein gutes Team.
Mit den vorgegebenen Strukturen hatte ich schon immer Probleme und habe mich zwar äußerlich angepasst,aber innerlich kann und will ich es nicht.
(keine offene Kritik,sondern Abwertungen hinterm Rücken - gut arbeitet,wer schnell arbeitet - BW werden bewormundet und ausgelacht -
Supervision wird abgelehnt - Leitung unterstützt Ratscherei,weil sie so Informationen erhält - Absprachen werden boykottiert - Fachkräfte sind leider nötig,um die Quote zu erfüllen)

Ich bin vermutlich doch so etwas wie ausgebrannt,aber nicht wegen der Arbeit an sich,sondern wegen dem Arbeitsklima,wie ich es wahrnehme ,aber nicht ändern kann und weil ich selten umsetzen kann,was ich weiß und kann.
Ich habe alles versucht,was in meiner Macht steht - und habe mich schließlich zurückgezogen.
Auch daß ich nur noch halbtags arbeite,hängt mit dem Arbeitsklima zusammen.
Es fehlen offene Gespräche und Teamsitzungen,in denen wirklich über die Probleme der Bewohner geredet wird und nicht hauptsächlich darüber,welche Inkontinenzversorgung man am besten nachts einsetzt,damit der BW morgens das Bett nicht nass hat (als Beispiel)
Ach,ich könnt stundenlang so weiterschreiben.
Ich bin vielleicht zuviele Kompromisse eingegangen.
Noch immer habe ich meine Ideale,aber,wenn ich sie nun bald selbst nicht mehr umsetzen kann,ja dann....

Dabei sind alle recht nett.
Aber das ist eben nicht alles.
Fehlen wohl auch Mitstreiter,was auch klar ist,weil die Leitung ja möglichst die Leute einstellt,die ebenso wenig in der Lage sind,sich mal für etwas allgemein unpopuläres einzusetzen.



Dirk Höffken
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Mein Weg

Beitrag von Dirk Höffken » Mo 26. Sep 2005, 12:54

Hallo Soleille,

emotionaler Abstand ist mein Weg. Im beruflichen wie privaten Bereich. Nur mit meinem Primärziel bin ich emotional verbunden.

MfG DH

Zitat:
Der Geist ist der Lenker, aber die Emotion der Antrieb. - Unbekannt



claridge
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Beitrag von claridge » Mo 26. Sep 2005, 13:34

@ Soleille
Ich glaube die Antwort hast du schon selbst gegeben. Beim Lesen deiner Eingangsfrage ging mir auch gleich Burn Out durch den Kopf. Der nächste Gedanke war für mich die Frage nach dem Team. Das Gleiche hatte ich auch schon mitmachen müssen auf meiner letzten Arbeitsstelle. Wenn es kein gutes Zusammenarbeiten ist, ist das Ganze jeden Tag eine neue Quälerei die auf die Dauer an die Substanz geht. Und darunter haben sehr oft die Bewohner/ Patienten zu leiden.
Aber das hast du ja in deinem letzten Beitrag selber auf den Punkt gebracht.
Für mich gab es als letzte Konsequenz nur die Kündigung da dieser Betrieb von Haus aus sehr mangelhafte Strukturen besitzt und sich diese auf Zeit eher noch verschlechtern.
Vielleicht gibt es für dich noch die Möglichkeit sich im Haus versetzen zu lassen?



Soleille
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RE: Mein Weg

Beitrag von Soleille » Mo 26. Sep 2005, 15:28

Original von Dirk Höffken
Hallo Soleille,

emotionaler Abstand ist mein Weg. Im beruflichen wie privaten Bereich. Nur mit meinem Primärziel bin ich emotional verbunden.

MfG DH

Zitat:
Der Geist ist der Lenker, aber die Emotion der Antrieb. - Unbekannt
Das hört sich interessant an.
Nur: Wie kann ich diesen Abstand herstellen?
Ich habe ein grundsätzliches Abgrenzungsproblem schon mein Leben lang,daher bin ich gespannt auf deine Anwort.
Wie kann ich mit den Demenzkranken einfühlsam umgehen,wenn ich den Kontakt zu meinen eigenen Empfindungen unterbreche?
Das war ja immer meine Stärke,daß ich mich in die Situation der BW versetzen konnte und sie sich dadurch angenommen,wahrgenommen fühlen konnten.
Da hatte ich echt eine Fähigkeit,mit "Unruhigen" plötzlich sogar "ganz normale" kurze Gespräche führen zu können,oder mit ihnen zu lachen oder ihnen zu ermöglichen,einmal weinen zu können,ihnen ein wenig aus der Angst und Unruhe herauszuhelfen.
Das waren keine Wunder oder so,sondern eben eine Form der Kommunikation von "Gefühl" zu "Gefühl" - oder so ähnlich.
Es war mir auch immer wichtig ,möglichst authentisch zu bleiben.
Ich stelle mir vor,daß diese (oft spürbar aufgesetzte,weil von der Leitung ausdrücklich verlangte)"Dauerfreundlichkeit" auch zur Verwirrung beitragen kann.
Es kam zum Beispiel vor,daß ich eine Frau,die schon seit Jahren ständig rief: "Ich kann nicht mehr,ich kann nicht mehr..." einmal ganz ruhig und stimmig (damals hatte ich noch gute Nerven ?() ansprach:
"Frau B. ,ich mag Sie wirklich gern. Aber jetzt gehen Sie mir langsam auf die Nerven" und diese ganz klar sagte: " Ach,tatsächlich? Ja,ich mir auch"
Und von dem Tag war das Geschrei kaum noch zu hören und wenn,dann war sie darauf ansprechbar.
So hat die Arbeit natürlich viel Freude gemacht.
War und ist aber eben unüblich bei uns.

Äh,jetzt höre ich aber mal auf.



Soleille
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Beitrag von Soleille » Mo 26. Sep 2005, 15:34

Original von claridge
@ Soleille
Ich glaube die Antwort hast du schon selbst gegeben. Beim Lesen deiner Eingangsfrage ging mir auch gleich Burn Out durch den Kopf. Der nächste Gedanke war für mich die Frage nach dem Team. Das Gleiche hatte ich auch schon mitmachen müssen auf meiner letzten Arbeitsstelle. Wenn es kein gutes Zusammenarbeiten ist, ist das Ganze jeden Tag eine neue Quälerei die auf die Dauer an die Substanz geht. Und darunter haben sehr oft die Bewohner/ Patienten zu leiden.
Aber das hast du ja in deinem letzten Beitrag selber auf den Punkt gebracht.
Für mich gab es als letzte Konsequenz nur die Kündigung da dieser Betrieb von Haus aus sehr mangelhafte Strukturen besitzt und sich diese auf Zeit eher noch verschlechtern.
Vielleicht gibt es für dich noch die Möglichkeit sich im Haus versetzen zu lassen?
Nachdem dies die zweite Stelle mit ähnlichen Strukturen ist (allerdings war die andere viel schlimmer) und ich schon älter bin,außerdem gleichgestellt mit Schwerbehinderten - ist mein Mut,was zu riskieren noch nicht so groß.
Aber etwas muß bald passieren,das ist klar.
Ich suche halt lange nach meinen eigenen Anteilen an einer schwierig gewordenen Situation und versuche,mich zu ändern,wenn ich was erkennen kann.
Daher tun mir die Rückmeldungen hier sehr gut.
Ich beginne,zu akzeptieren,daß ich da raus muß,kann,darf...



banowski
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Beitrag von banowski » Mo 26. Sep 2005, 16:40

Hallo. das mit den teams die nicht funktionieren kann ich genau so nachfühlen wie du, ich habe den Kampf aufgenommen und einwenig gewonnen, ich hab seitdem ein anderen Stationsleiter und mache gute erfahrungen, das war nicht immer so.
Aber und das betone ich, kämpfen muss man lernen, man muss zu sich und seiner meinung stehen, du machst das schon ganz gut, aber du gibst zu schnell auf weil du keinen Erfolg siehst, auch ich bin mit dem Thema Abstand auf dem Holzweg, weil ich der Meinung bin einen Demenzkranken ohne Emotionen nicht richtig pflegen zu können.
Wenn du merkst dass du dich im kreis drehst, dann kämpfe andersherum, schlage die Leute(Tratschtanten) mit íhren eigenen Waffen.
Ich gebe ein Beispiel. Meine Stationsleitung mobbte und überforderte mich und irgendwann traf sie mich in der Pause beim Kaffeetrinken, Ich trank ihren kalten kaffee vom Dienstbeginn, und Sie fragte mich dann noch ganz frech,warum ich den Kühlen kaffee trinken würde.
Ich, schon genervt, weil ich die Stationsleitung nicht mehr sehen konnte, antwortete:"weisst du nicht das Kaffee schön macht?" Ich bezog mich auf Ihre 100kg Körpergewicht.
Also Kopf hoch und je länger der Kampf dauert um so sicherer wirst DU!


bb.

Dirk Höffken
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Spannende Thematik – Leider Nachtdienst

Beitrag von Dirk Höffken » Mo 26. Sep 2005, 19:34

Hallo Soleille,

dies ist eine spannende Thematik. Leider muss ich gleich zum Nachtdienst, ansonsten würde ich mehr schreiben.
@Soleille
„Das hört sich interessant an.
Nur: Wie kann ich diesen Abstand herstellen?
Ich habe ein grundsätzliches Abgrenzungsproblem schon mein Leben lang,daher bin ich gespannt auf deine Anwort.
Wie kann ich mit den Demenzkranken einfühlsam umgehen,wenn ich den Kontakt zu meinen eigenen Empfindungen unterbreche?“ ...
Das ist interessant! Und der unterste Satz von dir, gefällt mir besonders gut und trifft es wesentlich besser als der von mir gewählte Begriff Abstand. Man muss den Kontakt zu den eigenen Empfindungen unterbrechen. Es darf also weder etwas von außen an einen herankommen, noch dürfen Emotionen die entstanden sind die eigenen Handlung beeinflussen. Faktisch muss eine Barriere und logische Instanz zwischengeschaltet sein. Man macht hier genau das Gegenteil von dem was so oft geraten wird.

Selbstverständlich kannst mit Demenzkranken und den meisten anderen Menschen immer noch einfühlsam umgehen und sie in deine Richtung lenken. Viel besser als wenn Emotionen im Spiel sind! Emotionen verleiten viel öfter zu falschen Reaktionen als zu Richtigen. Beobachte dein gesamtes Umfeld und beobachte Politiker (gerade ein guter Zeitpunkt um diese Spezies unter die Lupe zu nehmen :-) ). Es gibt Exemplare, nicht unbedingt in der Politik aber auch dort, die beherrschen dieses Spiel besonders gut. Mit der Zeit wirst du lernen, fast jeden Menschen so zu manipulieren, das er das tut was du möchtest!

Bewusst sein musst du dir halt über zwei Dinge. Erstens ist es ein langer und anstrengender Prozess. Ich falle heute noch viel zu oft aus meiner Rolle oder besser angestrebten Rolle. Aber immer seltener! Zweitens kannst du es nicht aufs Berufsleben beschränken. Es dehnt sich langsam aber sicher auf dein gesamtes Leben aus.

Trotzdem sehe ich mehr Vor- als Nachtteile für mich. Letztendlich sind (fast) alle glücklich. Und ich bekomme meinen Willen!!! Was soll daran schlecht sein?

MfG DH

Zitat:
Man wäre ja gar kein solcher Egoist, wenn es nur nicht so nützlich wäre. - Raimund Vidranyi



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RE: Heikles Thema

Beitrag von ilios1966 » Mo 26. Sep 2005, 22:30

Mir ging es einmal genauso,zwischendurch auch immer mal wieder,ich bekomme dann"Psycho frei"wie wir es bei uns nennen.Einfach ein paar Tage raus.Desweiteren spreche ich mit meinen Kollegen und lasse dort auch meinen Frust ab und sage was ich denke(nicht immer nur nettes)Aber das ist im Team gut aufgehoben und wichtig für die Eigene Psychohygiene.Ausserdem denke ich,dass wir alle Menschen sind und unsere Grenzen haben.Professionalität ist für mich,diese Grenze früh genug zu erkennen und zu versuchen mit Überbelastung umzugehen,jeder hat da so seine eigenen Erfahrungen wie er damit umgeht.Für mich ist es nicht Professionell immer nur den Abstand zu haben,denn das glaube ich,kann keiner so wirklich,es sei denn man stumpft ab,und das ist das schlimmste.Ich finde es super dass Du hier darüber offen sprichst,die meisten trauen sich nämlich nicht eigene Schwächen zuzugeben oder eben auch zu sagen,dass sie trotz der Liebe zum Beruf nicht immer den emotionalen Abstand halten können oder einfach mal die Schnauze voll haben,ohne dass jemand denkt,er sei eine schlechte Pflegekraft.Auch wir haben ein Recht darauf "es nicht mehr hören zzu können"Ich bin auch sehr geduldig,aber bitte..ich möchte deswegen nicht immer die schwierigsten BW haben,ein konstanter Wechsel scheint mir hier sinnvoll,damit ich wieder Kraft tanken kann.Wenn ich keinen Bock habe,dann spreche ich im Team ab,dass ich z.B.in die Küche gehe,dann leiste ich Arbeit,bin aber soweit aussen vor,dass ich mir wieder die Distanz verschaffen kann die ich brauche.Das ist mir sehr wichtig.Mit liebem Gruss ilios


Ich bin nicht nur für das verantwortlich was ich sage,sondern auch für das was ich nicht sage!

Dirk Höffken
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Abgestumpft?

Beitrag von Dirk Höffken » Di 27. Sep 2005, 15:43

Hallo.
@ilios1966
... „Für mich ist es nicht Professionell immer nur den Abstand zu haben,denn das glaube ich,kann keiner so wirklich,es sei denn man stumpft ab,und das ist das schlimmste.“...
Doch das kann man nach hartem Training ohne abzustumpfen! Zumindest trifft es der Begriff abstumpfen nicht genau. Und ich behaupte nicht das dieses Verhalten professionell ist! Ich behaupte aber das dies das einzige Verhalten ist mit dem man ab einem gewissen Punkt in allen Bereichen des Lebens vorwärts kommt bzw. das bekommt was man will. Der Unterschied ist gravierend!

MfG DH

Zitat (Diesmal etwas länger :-) ):

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne von Friedrich Nietzsche (Ausschnitt)

... „Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht "Formen", ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der Mensch nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!

Soweit das Individuum sich, gegenüber andern Individuen, erhalten will, benutzt es in einem natürlichen Zustand der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Not und Langeweile gesellschaftlich und herdenweise existieren will, braucht er einen Friedensschluß und trachtet danach, daß wenigstens das allergrößte bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluß bringt etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an "Wahrheit" sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge. Der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt zum Beispiel: "ich bin reich", während für seinen Zustand gerade "arm" die richtige Bezeichnung wäre. Er mißbraucht die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise tut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschließen. Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug: sie hassen, auch auf dieser Stufe, im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit: er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit, gegen die reine folgenlose Erkenntnis ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“ ...



Soleille
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Beitrag von Soleille » Di 27. Sep 2005, 17:24

Uff 8)

Dafür reicht mein Verstand nicht aus :)

Aber ich habe eine Ahnung,was Ihr meint (du und Nietzsche ;) )

Trotzdem habe ich mich erinnnert:

In den ersten Jahren meiner Tätigkeit hatte ich noch einen guten Abstand zu den zu Pflegenden.
Ich nahm etwas von den Bewohnern wahr und meine eigenen Reaktionen darauf und dazwischen war mein Wissen über mich und über die Bewohner und ihre Krankheit.
Und mein Umgang mit all dem war geprägt von der Absicht,gute Arbeit zu leisten.


Und jetzt erscheint mir alles verschwommen.



Dirk Höffken
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Individuellen Weg finden ist wichtig!!!

Beitrag von Dirk Höffken » Di 27. Sep 2005, 19:40

Hallo Soleille,
@Soleille
„Uff

Dafür reicht mein Verstand nicht aus“...
Das sagst du.
@Soleille
... „Aber ich habe eine Ahnung,was Ihr meint (du und Nietzsche )“ ...
Schön das du verstehst was ich dir sagen möchte :-) . Sagen möchte ich aber auch das dies mein Weg ist. Ein Weg auf dem ich gut und jeden Tag ein bisschen besser fahre. Die Nachtteile immer im Blick!!!

Du wirst deinen eigenen Weg finden müssen. „Ich gebe Ratschläge immer weiter. Es ist das einzige, was man damit anfangen kann.“ - Oscar Wilde

Oscar Wilde liegt hier nicht ganz auf meiner Linie. Aus Ratschlägen muss man sich den für sich wichtigen Teil herausziehen. Wenn da nichts zum herausziehen ist, ist der Ratschlag von ihm aber brauchbar :-) .

Du und die meisten anderen Menschen (bis vor kurzem gehörte ich dazu) glauben immer die anderen seinen glücklicher, kommen mit ihrem Leben besser zurecht. Ob im Beruf, der Partnerschaft, der Familie und wo auch immer. Schaust du genauer hin und hörst zu wirst du feststellen: Meist stimmt dies nicht!!! Entweder ist es eine Maske oder sie reden sich ein mit dem was sie haben glücklich zu sein.

Auf solche Leute schaut man. Ein Bekannter aus vergangenen Tagen hat mir sinngemäß immer gesagt (ich war zu dem Zeitpunkt mit allem unzufrieden und immer unglücklich): „Du bist der Kapitän deines Lebens, du bestimmst was passiert!“. Richtschnur für mich sind heute meine Bedürfnisse.
@Soleille
... „Trotzdem habe ich mich erinnnert:

In den ersten Jahren meiner Tätigkeit hatte ich noch einen guten Abstand zu den zu Pflegenden.
Ich nahm etwas von den Bewohnern wahr und meine eigenen Reaktionen darauf und dazwischen war mein Wissen über mich und über die Bewohner und ihre Krankheit.
Und mein Umgang mit all dem war geprägt von der Absicht,gute Arbeit zu leisten.

Und jetzt erscheint mir alles verschwommen.“...
Wenn ich dir dann doch einen Ratschlag geben darf und du ihn nicht einfach weitergibst :-) :

Nein, dir scheint nichts verschwommen. Du bist nur nicht bereit deine eigenen Bedürfnisse zuzulassen. Arbeite nicht darauf hin nur in einem Lebensbereich glücklich zu sein, sondern in allen. Und arbeite auf dauerhaftes, nicht temporäres Glück hin. Ob Nietzsche uns das sagen wolle weiß ich nicht. Ich wollte es aber sagen ;-) .

Hast du das erreicht wirst du auch mit den Patienten (Bewohnern) zurecht kommen. Uns diese werden zufriedener sein!

Vielleicht bis irgendwann. Mich ruft der Nachtdienst :-) .

MfG DH

Zitat:
Der Mensch ist ein mittelmäßiger Egoist; auch der Klügste nimmt seine Gewohnheit wichtiger als seinen Vorteil. - Friedrich Nietzsche



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